unerlaubte Handlung II

 

Ich schrieb ja schon einmal etwas Grundsätzliches zu diesem Problem.

Der geringen Quotenaussicht wegen kommen nun immer mehr Gläubiger auf diese Idee und verlangen die Feststellung ihrer Forderung als „aus vorsätzlicher Handlung“.

Kurze Erinnerung: Diese Forderungen bleiben trotz Restschuldbefreiung bestehen, der Gläubiger kann daraus nach der Insolvenz und Wohlverhaltensphase weiter vollstrecken. Er kann aus dem Auszug aus der Insolvenztabelle vorgehen, ein weitere Prozeß findet nicht statt.

Beleuchten wir die beiden Seiten aus der Praxis näher. Zuerst:

DIE GLÄUBIGERSICHT

Die Bezeichnung „vorsätzliche Handlung“ ist Unsinn. es geht um eine a) vorsätzliche und b) unerlaubte Handlung, die die Forderung ausgelöst hat, vgl. § 302 InsO

Alles, was in diesem Zusammenhang passiert ist (juristisch: Tatsachenvortrag), muß mit der Behauptung, diese Bevorzugung gelte, vorgelegt werden. Es reicht nicht, sich auf einfache Behauptungen zurückzuziehen. Am besten werden Beweisurkunden mit vorgelegt.

Beispiel: „Der Schuldner kam ins Geschäft und bezahlte mit EC-Karte. Die Bank stornierte die Bezahlung, weil die Karte gestohlen war, der Inhaber war jemand anders.“ Das dürfte reichen.

„Der Schuldner verursachte den Schaden beim Radfahren.“ Das reicht nicht. War er fahrlässig (wahrscheinlich!) oder handelte er vorsätzlich? Wer verursacht mit einem Rad vorsätzlich einen Unfall??

Im Beispiel oben ist das Hauptproblem angesprochen: Der Schuldner muß mit Vorsatz gehandelt haben. Bei Unfällen ist das (auch wenn der Schuldner später strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird) ist das allermeist nicht der Fall!

Außerdem muß die Handlung unerlaubt sein. Unerlaubt hört sich komisch an, meint aber nicht dasselbe wie „verboten“. Unerlaubt kann auch eine Handlung sein, die gegen vertragliche Verpflichtungen verstößt. Dann ist sie nicht verboten, denn Verbote gelten allgemein.

Wortklauberei – aber wichtig!

Beispiel: Der Schuldner übernimmt die vertragliche Verpflichtung, keine Fahrräder im Hausflur abzustellen. Das tut er dennoch und verursacht dabei Schäden an den Flurwänden.

Das ist eine vorsätzliche unerlaubte Handlung, denn niemand trägt „aus Versehen“ sein Fahrrad in den Hausflur. Und wenn er das nicht darf – ist es unerlaubt.

Am besten erledigt der Gläubiger das mit seiner Tabellenanmeldung und ergänzt diese um den Antrag, „festzustellen, daß die Forderung eine solche aus vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung ist“. Dazu Sachvortrag und gut ist das. Bei Schuldnerwiderspruch muß sofort prozessiert werden, da kann man nicht beliebig zuwarten.

Später kann man diesen Antrag nachholen, wenn die Anmeldung noch ohne diese Behauptung eingereicht wurde. Sogar noch nach Ende des Insolvenz- und Restschuldbefreiungsverfahrens! Wird aber komplizierter, denn man muß vor Gericht und diese besondere Behandlung klageweise geltend machen. Kostet – und erhöht den Vollstreckungserfolg nicht automatisch.

DIE SCHULDNERSICHT

Das Gericht belehrt den Schuldner ausdrücklich und gibt dabei die entsprechenden Forderungen und Gläubiger bekannt, wenn solche Anträge bei der Tabellenanmeldung eingehen.

Der Schuldner kann im Prüfungstermin (oder wenn der im schriftlichen Verfahren stattfindet bis zum Stichtag schriftlich beim Insolvenzgericht eingehend oder zu Protokoll der Geschäftsstelle erklärt) widersprechen.

Dann ist die Sache aber nicht erledigt, sondern geht nur in die nächste Runde. Der anmeldende Gläubiger kann dann durch Klage auf Feststellung das Bestreiten aus dem Weg räumen. Beklagt wird dabei der Schuldner, nicht der Insolvenzverwalter!

Scheitert die Verteidigung, wird’s auch nach der Insolvenz schwer werden – das habe ich in meinem anderen Beitrag ja schon dargelegt.

DER INSOLVENZVERWALTER

Dieses Mal ist er fein raus.

Er nimmt die Tabellenanmeldung entgegen. Ist dabei eine Forderung aus „vorsätzlich begangener unerlaubter Handlung“ angemeldet, wird dieser Umstand dem Insolvenzgericht mitgeteilt, das dann die Anhörung des Schuldners veranlasst.

Der Insolvenzverwalter ist nur Bote, er hat keine eigene Prüfungskompetenz, kann also weder prüfen, ob die Behauptung stimmt, noch kann er diese Sonderbehandlung bestreiten. Das kann ausschließlich der Schuldner.

Auch bei späteren Prozessen wegen dieser Frage ist er nicht beteiligt, er trägt ggf. nur das Ergebnis in die Tabelle ein.

Umsatzsteuer in der Insolvenz – der Horror!

Heute mal etwas „aus der Praxis für die Praxis“, das für normale Menschen schwer verdauliche Kost ist.

Umsatzsteuer in der Insolvenz.

Eh schon ein furchtbar formalistisches Gebiet, schwer zu verstehen und meiner Meinung nach auch noch falsch angewendet und deshalb problematisch.

Ich muß hier viele Dinge vereinfachen, damit das Prinzip klar wird und die Argumentation nachvollziehbar bleibt; denn es wird schon schwierig zu verstehen werden. Ist aber ein kleiner Einblick in die Anforderungen, die an Insolvenzverwalter auch in dieser Hinsicht gestellt werden und das Versagen der Rechtspraxis. Wobei damit auch noch eine komplizierte Handhabung abzuwickeln ist, wo’s doch so einfach sein könnte!

Unter anderem gehe ich hier immer davon aus, daß der Schuldner alle möglichen Erstattungsansprüche immer sofort geltend machte und ausgezahlt erhielt, daß die Gläubiger alle Soll-Versteurer sind (also die Umsatzsteuer aus den Rechnungen schon schulden, wenn sie die Rechnung schreiben und nicht erst, wenn die bezahlt wird) und mathematisch ist das auch nicht immer hundertprozentig bei den Quotenberechnungen – nochmal: es geht darum, ein vollständiges Bild zu entwerfen und nicht ein Lehrbuch des Insolvenz-Umsatzsteuerrechts abzuliefern. Dann wäre der Blog nicht mehr kostenlos, seid Euch sicher!

Erste Schwierigkeit: Umsatzsteuer in der Zeit vor Insolvenz

Sollte doch eigentlich einfach sein – nämlich wie bei allen anderen Unternehmern/Kunden auch. Schade, ist es nämlich nicht. Für alle Beteiligten sind Besonderheiten zu beachten.

Einfach haben es die unbezahlt gebliebenen Lieferanten: In der Regel (fachtechnisch werden die als „Soll-Versteurer“ bezeichnet – googelt danach, wenn’s wirklich interessiert) kann der Unternehmer die ausgewiesene Umsatzsteuer aus nicht bezahlten Rechnungen sofort komplett korrigieren, erhält sie also vom Finanzamt erstattet (§ 17 UStG). Immerhin: er bleibt nur auf der Nettoforderung sitzen. Wird später noch kompliziert – das nur zur Warnung!

Beim Schuldner, der als Unternehmer tätig war (GmbH oder Mensch – völlig egal) wird es nicht so leicht.

Er hat ja sowohl Rechnungen für seine Lieferungen und Leistungen an Dritte geschrieben wie auch Rechnungen von seinen Lieferanten erhalten. Die Umsatzsteuer aus den geschriebenen Rechnungen schuldet er dem Finanzamt, die Umsatzsteuer aus erhaltenen Rechnungen bekommt er vom Finanzamt („Vorsteuererstattung“), wenn er das anmeldet. Soweit seine Rechnungen aus der Zeit vor Insolvenzeröffnung bezahlt wurden, meldet das Finanzamt die nicht bezahlte Umsatzsteuer zur Insolvenztabelle an. Soweit seine Rechnungen unbezahlt blieben (Kunden weigern sich zu Recht oder auch mutwillig), wird die ausgewiesene Umsatzsteuer gegen gerechnet – also nicht erstattet, sondern erst einmal die Schuld aus nicht abgeführter Umsatzsteuer durch Aufrechnung kleiner. (Hat der Schuldner Vorsteuer nicht oder nicht vollständig angemeldet, wird nur so weit korrigiert durch Tabellenanmeldung , wie er tatsächlich zu Unrecht Vorsteuer erhielt. Das lassen wir im Weiteren aber außen vor, sonst wird die Darstellung zu kompliziert.)

Anmerkung: Ist ein Mensch in Insolvenz, der nicht selber gewerblich tätig war („Verbraucher“), ändert das für die Gläubigerunternehmen nichts. Auch jetzt bekommen sie die Vorsteuer aus den unbezahlt gebliebenen Rechnungen sofort mit Insolvenzeröffnung komplett erstattet.

Kurz gesagt: Offene Nettoforderungen der Gläubiger kommen in die Tabelle, ebenso offene Restschulden aus Umsatzsteuern. Im Ergebnis ist der gesamte vorinsolvenzliche Umsatzsteuerteil damit erst einmal komplett „auf Null“ gesetzt.

Zweite Schwierigkeit: Umsatzsteuer in der Zeit der Insolvenz

Eine Sache ist sehr einfach: Handelt der Insolvenzverwalter (wir lassen hier das Insolvenzplanverfahren außen vor, es geht um’s Verständnis des Prinzips), gilt alles wie wenn es keine Insolvenz gäbe. Aus Eingangsrechnungen zieht er die Vorsteuer, die ausgewiesene Umsatzsteuer aus Ausgangsrechnungen muß er abführen. Beides wird in seinen Umsatzsteuererklärungen saldiert. Genau so funktioniert das immer.

Alles andere ist kompliziert. Sonst könnt’s ja jeder!

 

1. Sonder-Fallgruppe: Forderungseinzug vorinsolvenzlicher Außenstände

Der Insolvenzverwalter zieht unbezahlt gebliebene Forderungen gegen Dritte nach Möglichkeit ein. Erhält er Zahlungen von Kunden des Schuldners aus der Zeit vor Insolvenzeröffnung, ist darin Umsatzsteuer enthalten. Die fließt ihm nun zu, denn jede Zahlung eines Kunden ist „brutto“, wenn sie das nach allgemeinem Recht ist (wir überspringen das Problem der steuerfreien inngergemeinschaftlichen sonstigen Leistungen an Unternehmer – es geht ja um’s Prinzip).

Jetzt haben wir ein Problem: Das Finanzamt hat diese Forderung im Rahmen der Tabellenanmeldung schon verfolgt, denn sie ist vorinsolvenzlich entstanden. Früher war das einfach. Der Insolvenzverwalter hat sich ins Fäustchen gelacht und den Bruttobetrag behalten. Umsatzsteuer war ja mit der Anmeldung zur Tabelle abschließend behandelt. Heute hat der BFH dem (richtigerweise) einen Riegel vorgeschoben. „Fließt Umsatzsteuer der Insolvenzmasse zu, ist sie in jedem Fall vom Insolvenzverwalter zu erklären und an das Finanzamt abzuführen.“

Nur konsequent: Vorher war alles „auf Null“ gestellt, mit der Zahlung stimmt das ja nicht mehr, also muß sich das auswirken.

Gleichzeitig mit der Zahllast des Insolvenzverwalters aus Einzug vorinsolvenzlicher Forderungen des Schuldners und der damit zu erklärenden Umsatzsteuer muß das Finanzamt die in dieser Höhe jetzt falsch gewordenen Tabellenanmeldung korrigieren (nämlich die Forderung entsprechend zurücknehmen).

So weit, so schick.

2. Sonder-Fallgruppe: Insolvenzanfechtung

Ich muß damit jetzt ein Thema berühren, das ich hier im Blog noch nicht beschrieben habe. Es paßt aber zu meiner Betrachtung der Umsatzsteuer in Insolvenz perfekt und lückenlos dazu.

Deshalb nur so viel zum Verständnis: Rechtlich mißbilligte vorinsolvenzliche Verfügungen des Schuldners über sein Vermögen können vom Insolvenzverwalter zurückgefordert werden, indem er die sogenannte „Anfechtung“ ausspricht. Das kann nach Insolvenzordnung (§§ 129 ff) oder nach dem allgemein geltenden Anfechtungsgesetz passieren.

So oder so wird das „auf Null Stellen“ wie unter „erste Schwierigkeit“ geschildert durchbrochen.

Beispiel: Ein Lieferant erhält vor Insolvenzeröffnung vom Schuldner Zahlung auf seine offenen Rechnungen von 11.900,00 €. Auswirkung: Der Schuldner nimmt Vorsteuer in Höhe von 1.900 € in Anspruch aus bezahlter Rechnung, der Lieferant führt Zahllast in Höhe von 1.900 € an sein Finanzamt ab. Alles gut, alles rund.

Mit der Anfechtung nicht mehr, denn jetzt muß der Lieferant 11.900 € zurückzahlen und der Insolvenzverwalter nimmt 11.900 € ein. Ist also quasi wie Forderungseinzug in der 1. Fallgruppe. Und wird auch genau so behandelt: Der Lieferant macht Vorsteuererstattung in Höhe der von ihm gezahlten 1.900 € geltend und der Insolvenzmasse sind 1.900 € zugeflossen, die Insolvenzverwalter als Zahllast dem Finanzamt weitergeben muß.

War früher auch nicht so, aber der BFH hat (zu Recht) gesagt, daß es keinen Unterschied macht, ob eine vorinsolvenzliche Forderung eingezogen wird oder eine Anfechtung zu einem vergleichbaren Zufluß aus vorinsolvenzlicher Zeit stammend führt.

So weit, so schick.

dritte Schwierigkeit: Insolvenzforderungen/Insolvenztabelle

Bis jetzt ist das alles nach den korrigierenden Entscheidungen des BFH, die dem streng formellen Prinzip der Umsatzbesteuerung haargenau entsprechen eigentlich einfach und – wenn man damit regelmäßig zu tun hat – logisch.

Vorinsolvenzliches bleibt vorinsolvenzlich durch Vorsteuerkorrektur beim Lieferanten und ggf. Tabellenanmeldung des Finanzamts, solange die Insolvenzmasse nichts davon hat.

Diese wunderbare Klarheit ist bei der Behandlung von Gläubigerforderungen in der Insolvenztabelle und dem folgend bei Quotenausschüttungen leider noch nicht geschaffen.

die jetzige, falsche Handhabung

Gläubiger melden ihre Forderungen zur Insolvenztabelle brutto, also inklusive Umsatzsteuer, an. Die allermeisten Insolvenzverwalter erkennen diese Forderung auch genau so brutto zur Tabelle an. Auf diese Bruttoforderung wird dann später die Insolvenzquote ausgeschüttet.

Manche Insolvenzverwalter nehmen dann Vorsteuererstattung aus dieser Quotenzahlung in Anspruch, was zu erneutem Zufluß bei der Insolvenzmasse führt.

warum das falsch ist

Diese Handhabung widerspricht der klaren Rechtsprechung des BFH, wie ich sie oben schilderte, und das aus mehreren Gründen: dogmatischen (mein Lieblingsbereich) und logischen. Schlimmer falsch kann man’s also nicht machen.

Dogmatisch muß ich etwas weiter ausholen: Umsatzsteuer wird auf die vereinbarten Entgelte für Lieferungen und sonstige Leistungen erhoben, soweit sie steuerbar und steuerpflichtig sind. Das ist DAS Grundprinzip der Umsatzsteuer – kompliziert wird’s immer nur dann, wenn der Gesetzgeber willkürlich eingreift und entweder die Steuerbarkeit oder die Steuerpflicht oder den anzuwendenden Steuersatz mutwillig ändert. Am Prinzip rüttelt das aber nicht.

Das Zauberwort in diesem Satz ist „vereinbart“. Dann und nur dann, wenn die beiden Vertragspartner sich auf ein Entgelt einigen (es vereinbaren), fällt Umsatzsteuer an. Dazu muß man nicht unbedingt sprechen, man kann das auch nach Geschäftssitte schweigend tun.

Beispiel: Schlaftrunkener Kauf von fünf Brötchen beim Stammbäcker des Vertrauens morgens für wie immer zu bezahlen 1,60 €, „man kennt sich“ und die Tüte liegt schon mit mitleidsvollem Blick auf dem Tresen, die abgezählten 1,60 € wechseln den Besitzer. Worte? Keine. Rechtlich: Bäcker bietet den Verkauf und die Übereignung von fünf einzelnen Brötchen (samt Tüte als kostenloser Draufgabe) Zug um Zug gegen Zahlung von 1,60 € an. Kunde nimmt dieses Angebot konkludent durch Hingabe von einer 1 €-Münze und drei 20 Cent-Stücken an und bietet seinerseits die Übereignung der vier Münzen an. Mit dem Einstreichen wird das Angebot angenommen. Der Vollständigkeit halber: die Angestellte im Laden handelt als Bevollmächtigte im Sinne von § 52 HGB mit Wirkung für und gegen den Bäcker.

Mag noch einer Brötchen kaufen gehen? Gut – dann weiter.

Auch ohne Absprache war zwischen Kunde und Bäcker(eiangestellter) klar, daß das Entgelt 0,32 € pro Brötchen beträgt. Man muß nicht „verhandeln“ wie bei einem Tarifvertragsabschluß, wenn das nicht üblich ist. solange diese 0,32 € immer fix sind.

Wenn also das Wesensmerkmal des Vereinbarens Tatbestandsvoraussetzung eines umsatzsteuerpflichtigen Vorgangs ist, ist jeder Vorgang, bei dem es daran fehlt, eben nicht umsatzsteuerpflichtig.

Beispiel: Der Kunde verursacht schlaftrunken einen Unfall, weil der dem Bäcker an sein vor dem Geschäft parkendes Auto fährt. Das ist kein „Angebot zum Abschluß einer Unfallkostenvereinbarung“ – und wenn ja – wie soll der Bäcker das annehmen? Er weiß im Zweifel ja nicht einmal davon, daß sein Auto gerade beschädigt wurde. Konsequenterweise ist die Leistung von Schadenersatz umsatzsteuerfrei.

Ein anderes Feld ist z.B. das Recht der ungerechtfertigten Bereicherung – auch hier greift eine Partei einseitig und ohne Vereinbarung in die Rechtssphäre einer anderen Partei ein.

Die konventionelle (und meiner Meinung nach falsche) Betrachtung ist, daß bei diesen Beispielen ja grundsätzlich niemals irgendeine Vereinbarung Anknüpfung der Verpflichtung zur Ersatzleistung war. Bei unbezahlt gebliebenen Rechnungen sei das aber anders, denn dort habe wenigstens über den Warenaustausch und die reguläre Bezahlung Einigkeit bestanden, das spätere Fehlen der Bezahlung ändere daran nichts.

Das ist dogmatisch zu kurz gedacht. Das Wesen der Vereinbarung ist eben nicht nur, daß die Parteien willentlich miteinander in Geschäftskontakt stehen, sondern das das zu behandelnde Entgelt ebenso eindeutig feststeht.

Eine Insolvenzquote steht aber nie vorher fest. Sie kann auch nicht vereinbart werden – im Gegenteil: Einseitige Bevorzugungen einzelner Gläubiger gegenüber der Gesamtheit der gleichrangigen Gläubiger sind verboten. Sie ergibt sich zwangsweise aus der geordneten Versilberung der Insolvenzmasse und der planmäßigen Bedienung von Verfahrenskosten und sonstigen Masseverbindlichkeiten, nach deren kompletter Bezahlung der Rest als Quote an die (ungesicherten) Gläubiger geht.

Und da haben wir die Gemeinsamkeit mit den beiden vorne angeführten Beispielen: Auf die Bestimmung der Leistung hat mindestens eine Partei keinen Einfluß, sie folgt aus anderen und von den beiden Vertragspartnern nicht gemeinsam beeinflußbaren Gründen.

 

Quasi ist eine Insolvenz in diesem Sinne der Verkehrsunfall der Forderung.

Also ist nach meinem Dafürhalten niemals in zur Tabelle angemeldeten Forderungen Umsatzsteuer enthalten. Der Unternehmer als Gläubiger kann seine Forderung nur netto verfolgen.

Nun zum zweiten Argumentationsstrang: das ist auch logisch und nur konsequent in Gesamtschau mit der vom BFH bisher schon geschaffenen Klarheit, wie ich sie vorher dargelegt habe.

Der Unternehmer als Gläubiger hat doch mit seiner (unbezahlten) Forderung sofort mit Insolvenzeröffnung einen Anspruch auf Erstattung der in der Rechnung enthaltenen Umsatzsteuer (§ 17 UStG). Er hat also sein Geld von anderen (nämlich dem Finanzamt) schon bekommen. Komplett sogar. Warum soll er dann nochmals Geld bekommen, wenn die Quote bezahlt wird? Nennt sich als allgemeines juristisches Prinzip „Vorteilsausgleich“ – was ich schon von anderen bekommen habe, darf ich nicht nochmals verlangen. dann stünde ich im Schadensfalle ja besser als ohne den Schaden.

Beispiel: Anmeldung von 10.000 € zuzüglich 19 % USt. hieraus, also weitere 1.900 €, zusammen 11.900 €. Bisherige Handhabung der meisten Insolvenzverwalter: 11.900 € werden zu Tabelle anerkannt.

Was passiert in diesem Beispiel aber wirklich? Der Unternehmer meldet 1.900 € nicht erhaltene aber vorausbezahlte Umsatzsteuer zur Erstattung beim Finanzamt an und erhält die ausbezahlt. Er sitzt also auf einem Schaden von 10.000 €, die anderen 1.900 € macht das Finanzamt mit seiner Insolvenzanmeldung geltend (nämlich über die Rückrechnung zu Unrecht vom Schuldner in Anspruch genommener Vorsteuer aus der in Wahrheit unbezahlt gebliebenen Rechnung). Er kassiert zu Unrecht und zu Lasten der Quote fürs Finanzamt.

Ergo: nach der bisherigen Handhabung erhält der anmeldende Unternehmer eine zu hohe Quote, denn er verfolgt zu Unrecht die ihm schon erstattete Umsatzsteuer von 1.900 € weiter. Und das BFH-Prinzip „Vorinsolvenzliches wird auf Null gestellt und über die Insolvenzanmeldung des Finanzamts korrigiert“ ist verletzt.

Ein dritter Argumentationsstrang ist außerdem, daß die bisherige Handhabung komplett inkonsequent ist und deshalb schon nicht fortgeführt werden darf.

Wir bleiben bei dem Beispiel (11.900 € brutto, 10.000 € netto). Was passiert nun bei Quotenzahlung? Der Einfachheit halber nehmen wir hier eine hohe Quote von 50 % an, ich will das groteske Ergebnis der bisherigen Sicht vorführen.

Also: Quote 50 %. Unternehmer erhält 5.000 € zuzüglich 950 € Umsatzsteuer, also 5.950 € als Quotenzahlung. 950 € zu Unrecht, denn die hat er zuvor ja schon nach über Vorsteuerkorrektur erhalten. Das Finanzamt erhält ebenso 950 € auf seine Tabellenanmeldung insoweit (die betrug ja 1.900 € und die Quote darauf ist 50 %)

Der Insolvenzverwalter meldet nun die in den Quotenzahlungen an vorsteuerabzugsberechtigte Gläubiger enthaltene Umsatzsteuer beim Finanzamt als Vorsteuer an und verlangt deren Erstattung. Also: er macht die 950 € zugunsten der Insolvenzmasse geltend. Und bisher würden sie ihm auch erstattet.

Jetzt bricht der Wahnsinn los: Aus diesen 950 € wird eine Nachtragsverteilung an die Insolvenzgläubiger ermittelt. Schön für den Insolvenzverwalter: dafür gibt’s nochmal Geld. Schlecht für die Gläubiger: genau das mindert die Quote empfindlich.

Werden diese 950 € verwendet, so wird sich wieder ein Vorsteuererstattungsanspruch aus der weiteren Vergütung des Insolvenzverwalters und ein Vorsteuererstattungsanspruch aus der (kleinen) weiteren Nachtragsverteilung ergeben.

Auch dieser Vorsteuererstattungsanspruch wird wieder zu einer Nachtragsverteilung führen und das Spiel wiederholt sich so lange, bis die Untergrenze der Erstattung (2,00 €, kleiner wird nicht ausbezahlt) erreicht ist.

Die himmelschreiende Inkonsequenz der derzeit „herrschenden Meinung“ ist glasklar, wenn man Verwalterkollegen zu diesem Problem befragt. Einige ignorieren das und machen die mehrfache Vorsteuererstattung nicht geltend. Andere tun’s „nur einmal und nur bei großen Summen“ und wieder andere tun’s immer und gnadenlos. 99 % aller Kollegen halten sich nicht einmal an die Konsequenz aus der falsche Handhabung.

wie einfach wäre es nach meiner Auslegung?

Die Quote wird genau einmal bezahlt, der Unternehmer bekommt also seine 5.000 € (die er netto behalten darf und bei sich wie Schadenersatz behandelt, also auch keine Umsatzsteuer abführen muß), das Finanzamt bekommt seine Quote von 50 % auf die 1.900 €, die in der Tabelle stehen, also 950 €. Und gut ist das. Einfach, logisch, konsequent.

Es wird höchste Zeit, daß der BFH hier wünschenswerte Klarstellung wie in den anderen Fällen schaffen kann.

Wem gehört das letzte „Pfändbare“?

Heute nur ein kurzer, aber dennoch nicht unwichtiger Beitrag, denn das dürfte nahezu alle Restschuldbefreiungsverfahren betreffen, bei denen tatsächlich pfändbares Arbeitseinkommen erzielt wird:

Die Abtretung der pfändbaren Arbeitseinkünfte läuft genau sechs Jahre ab Eröffnung des Insolvenzverfahrens (§ 287 Abs. 2 InsO).

Beispiel: Eröffnung am 12.02.2012. Abtretung endet am 12.02.2018.

Wo ist nun das Problem?

Was passiert mit dem im letzten Monat der Wohlverhaltensphase verdienten Gehalt? Wer bekommt das pfändbare Arbeitseinkommen? Der Treuhänder oder bleibt’s beim Schuldner?

Beispiel: Schuldner verdient 100 € pfändbares Einkommen im Monat. Die Wohlverhaltensphase im Restschuldbefreiungsverfahren endet am 12.02.

Rechnet man alleine die Pfändbarkeit nach dem Verdienst bis zum Ende der Abtretungserklärung am 12.02., wird die Pfändungsgrenze nicht überschritten. Dann müßte doch das gesamte Gehalt mit seinem pfändbaren Anteil, der ja erst nach dem 12.02. verdient wird, dem Schuldner gehören? Dann müßten also nur Spitzenverdiener, die in den wenigen Tagen des Monats schon so viel (anteilig) verdienen, daß sie die Pfändungsgrenze überschreiten.

Beispiel: Monatsnettoeinkommen beträgt 8.000 €, da sind nach 12 von 28 Tagen schon 3.428,57 € verdient.

So ist das aber nicht – was auch logisch ist!

Sonst wird zu Lasten der Gläubiger das Überschreiten der Pfändungsgrenze von einem Stichtag im Laufe des Monats abhängig gemacht. Das erinnert an die Pressenachricht, daß so um Mitte Juli herum „man ab jetzt für sich und nicht mehr für den Staat verdient“ (weil die Abgabenlast z.B. 53 % beträgt und dann 53 % der Tage eines Jahres vergangen sind). Das ist nett und populär bzw. sogar populistisch, aber Unsinn: Jeder einzelne Tag des Jahres mit Abgabenlast belegt, da gibt es keine „Freigrenze“, die überschritten werden kann. Auch im Dezember zahlt man schließlich Lohnsteuer und Sozialabgaben!

Kann man sich auch an folgender Überlegung klar machen: Was ändert sich, wenn z.B. das Ende der Abtretung nach § 287 InsO am 22.02. liegt? Jetzt ist so viel Zeit des Monats verbraucht, daß das pfändbare Gehalt auch in dieser Zeit verdient wurde. Behält dann der Treuhänder das ganze Pfändbare deswegen, obwohl doch noch mindestens sechs Tage im Februar „frei von der Insolvenz“ sind?

Natürlich ist auch das Unsinn.

Richtig ist, daß in diesem Monat das pfändbare Gehalt anteilig an Treuhänder und Schuldner bezahlt wird. Hier also 12/28tel an den Treuhänder und 16/28tel an den Schuldner. Also 42,86 € an den Treuhänder und 57,14 € an den Schuldner, wenn wir die 100 € „Pfändbares“ aus dem Beispiel wieder annehmen.

Man könnte auch darüber nachdenken, ob nicht die Arbeitstage in dieser Zeit maßgebend sein sollen. Im Beispiel hier hat der Februar 2018 20 Arbeitstage. Bis zum 12.02. (einschließlich!) sind acht verstrichen, die restlichen 12 kommen bis zum Monatsende. (Wir lassen dabei weg, daß in z.B. Köln dieser Monat als Beispiel nicht gut ist, weil da mitten drin Karneval liegt, was mindestens vier „Freitage“ ab Altweiberfastnacht bis Fastnachtsdienstag bedeutet.) Dann wären 8/20tel an den Treuhänder zu zahlen und 12/20tel an den Schuldner, entsprechend 40 € zu 60 € (ausgehend wieder von 100 € pfändbarem Einkommen). Um diese offensichtlich finanziell bedeutende Präzision auf die Spitze zu treiben, müßte man dann auch z.b. den Fall berücksichtigen, daß Krankengeld von der Krankenkasse nach Ablauf der sechs Wochen Lohnfortzahlung des Arbeitgebers anders einzurechnen wäre. Oder Überstundenentgelt (nicht: Überstundenzuschläge, die sind ja pfandfrei) an bestimmten Daten verdient wurde, die möglicherweise nicht alle oder auch gar nicht in die Zeit vor dem 12.02. fallen. Das wäre endlos und bedeutet dadurch auch Unsicherheit auf allen Seiten.

Ein bißchen Ungerechtigkeit wird in Kauf genommen, wenn dafür Unsicherheit beseitigt wird. Also: das alles macht die Sache zu kompliziert, so daß es einfach praktischer und beherrschbarer ist, nach Kalendertagen als Maßstab aufzuteilen.

Damit taucht aber ein weiteres Problem auf:

Die Restschuldbefreiung wird zwar theoretisch exakt zum Ende der Abtretungsfrist (hier also im Beispiel 12.02.218) ausgesprochen. Aber der Ausspruch durch Gerichtsbeschluß kommt erst, wenn der Treuhänder Schlußrechnung gelegt hat.

Die kann er aber erst dann legen, wenn das Februargehalt ausgezahlt wird, denn erst dann läßt sch der Betrag des anteilig an ihn abzuführenden pfändbaren Einkommens berechnen. Bei gewerblichen Arbeitnehmern kann das schon mal bis Mitte des nächsten Monats dauern. Hier also bis Mitte März. Dann muß die Abrechnung gemacht werden, die Schlußrechnung muß zu Gericht, das Gericht muß sie prüfen und dann wird der Beschluß über die Restschuldbefreiung erlassen. Kann also locker bis Ende April in diesem Beispielsfall dauern.

Unangenehm, vor allem, wenn der Beschluß z.B. bei Banken oder Vermietern oder sonstwo vorgelegt werden muß; manchmal sind die Dinge aber eifach so, wie sie sind …

vorzeitige Restschuldbefreiung – viele Irrtümer, wenig Klares

Ein kurzer Ausflug in die Geschichte der Insolvenzordnung:

Anfangs dauerte die Wohlverhaltensphase sieben Jahre nach Aufhebung des Insolvenzverfahrens. Eine biblische Zahl wie die sieben Todsünden – und ehrlich gesagt unerträglich. Wenn’s blöd läuft, dauerte eine Insolvenzverfahren schon drei oder mehr Jahre, danach nochmals sieben Jahre „Schuldturm“ in der „Restschuldbefreiung“ – so was erfordert eine eisenharte Konstitution und Disziplin beim Schuldner.

Der Gesetzgeber erkannte, daß diese Idee nicht zielführend ist. Er besserte nach alsbald darauf und beschloß, daß Restschuldbefreiung sechs Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens erlangt werde. „Wenn die Abtretungsfrist ohne vorzeitige Beendigung verstrichen ist“  heißt das auf Juristendeutsch heute in § 300 Abs. 1 Satz 1 InsO.

Kann übrigens auch kurios enden: Dauert das Insolvenzverfahren länger als sechs Jahre, wird dennoch und im laufenden Verfahren Restschuldbefreiung erteilt!

Beispiel: Verfahren wird am 01.06.2012 eröffnet. Wegen vieler komplizierter Prozesse vor Gericht in der Beitreibung von Forderungen und der Insolvenzanfechtung zieht sich das Verfahren bis heute hin. DENNOCh wird am 01.06.2018 (nach Anhörung der Beteiligten) Restschuldbefreiung erteilt.

Das nennt man nicht-synchrone Verfahrensabläufe in „Technikersprache“. Ist so gewollt und wird so von allen befürwortet, die mit „nicht-synchronen“ Dingen leben können.

Sechs Jahre werden aber im internationalen Vergleich als „bedeutend zu lang“ und auch von Rechtssoziologen als „für redliche Schuldner unzumutbar“ und „demotivierend“ bezeichnet. International dauert so ein Verfahren in der Regel um die drei Jahre. UNd sehcs Jahre sind ehrlich gesagt eine arg lange Zeit, wenn man dadurch permanent mit dem makel behaftet leben muß und sich dadurch gegängelt fühlt. Ich kann das gut nachvollziehen. Und ganz ehrlich: Zum Dummheit gehören immer zwei in Insolvenzfällen, nämlich einer, der die Schulden macht und einer, der ohne ausreichende Prüfung und Sicherheit Kredit gewährt …

 

 

Wie soll Abhilfe aussehen?

Der Gesetzgeber formuliert das wieder sehr kompliziert und umständlich in § 300 InsO – und jede umständliche und komplizierte Fassung birgt Quellen für fehler und Mißverständnisse. Gibt’s seit 01.07.2014, jetzt sind also erste Erfahrungen aus der Praxis da und die kann ich hier berichten.

Zum Gesetzestext:

 

Hat der Schuldner die Kosten des Verfahrens berichtigt, entscheidet das Gericht auf seinen Antrag, wenn

1. im Verfahren kein Insolvenzgläubiger eine Forderung angemeldet hat oder wenn die Forderungen der Insolvenzgläubiger befriedigt sind und der Schuldner die sonstigen Masseverbindlichkeiten berichtigt hat,

2. drei Jahre der Abtretungsfrist verstrichen sind und in diesem Zeitraum dem Insolvenzverwalter oder Treuhänder innerhalb dieses Zeitraums ein Betrag zugeflossen ist, der eine Befriedigung der Insolvenzgläubiger in Höhe von mindestens 35 % ermöglicht, oder

3.  fünf Jahre der Abtretungsfrist verstrichen sind.

Vorab zur Erläuterung: „Jahre der Abtretungsfrist“ ist eine unnötige Komplizierung. Die läuft nämlich „ab Eröffnung des Insolvenzverfahrens“, wie’s in § 287 Abs. 2 insO steht. man hätte einfach schreiben können „ab Eröffnung des Insolvenzverfahrens“, aber das wäre ja einfach gewesen

Kommen wir nun dazu, wo hier „der Hase im Gewürz“ liegt und welche Mißverständnisse und Fehler beim Verständnis dieses Verfahrens inzwischen zutage treten.

 

 

Antragspflicht


Harmloses Stichwort und erste Quelle für Mißverständnisse. „Auf seinen (des Schuldners) Antrag“ wird entschieden. Wer muß sich also drum kümmern? Nein, weder das Gericht noch der Treuhänder, sondern der Schuldner selber! Niemand sonst, ausschließlich der Schuldner! Niemand wird ihn darauf hinweisen, niemand wird ihn anleiten, denn das Gesetz ist da ganz eindeutig: Kümmere Dich selber, wenn Du ein Rechtsprivileg in Anspruch nehmen willst. Sonst bist Du es nicht wert – quasi.

Konsequenz: Wenn man das Gefühl hat, das könnte mit einer vorzeitigen Restschuldbefreiung klappen, muß man sich beizeiten darum kümmern. Mindestens sechs Monate vor dem entscheidenden Datum damit anfangen durch Akteneinsicht beim Insolvenzgericht und Anfordern von Zwischenrechnungslegung des Treuhänders/Insolvenzverwalters (entweder direkt oder über das Insolvenzgericht).

Eigentlich müßten dabei die Schuldnerberater – wie ihr Beruf es ja angibt! – beratend helfen. Uneigentlich beschränken die sich auf die Vorbereitung des Verfahrens und tun erfahrungsgemäß in dieser kritischen Phase nichts mehr für die Schuldner. Schade, aber dort zu klären und nicht bei Gericht!

 

 

drei „Fristen“, vier Möglichkeiten

 

Das ist nicht ganz korrekt, das Gesetz nennt nur zwei, aber in der Nummer1 oben findet sich ein weiteres Merkmal für eine vorzeitige Restschuldbefreiung, weswegen ich das hier mit aufnehme.

1. Alternative: (Nummer 1, Alternative 1): Keine Tabellenanmeldungen eingegangen. Schuldner deckt die Kosten des Verfahrens. Klingt komisch, kam aber in meiner Praxis schon zweimal vor. Gläubiger werden angeschrieben und zur Anmeldung aufgefordert – aber keiner rührt sich. Ursache meist: sehr alte Schulden, die Gläubiger existieren nicht mehr oder dort hat keiner mehr Unterlagen.

Ohne jede zeitliche Beschränkung gibt es dann AUF ANTRAG DES SCHULDNERS 8und nicht etwa automatisch!) SOFORT Restschuldbefreiung. Cool, was? Wird noch cooler, aber darauf komme ich gleich zu sprechen!

Beispiel: Kosten des Verfahrens sind die (ggf. wegen vorzeitiger Verfahrensbeendigung zu kürzende) Vergütung des Insolvenzverwalters und die Gerichtskosten. Im günstigsten Fall um die 1.000 €. Die muß DER SCHULDNER aufbringen. Entweder durch Erlöse aus Verwertung seines Vermögens, pfändbare Einkommensbestandteile oder durch Einsatz von nicht insolvenzverhaftetem Vermögen. Gläubiger gibt es nicht, denn es gibt keine Anmeldungen. Insofern braucht man da kein Geld.

Sonstige Masseverbindlichkeiten müssen nicht bedient werden, denn darauf bezieht sich die Restschuldbefreiung nicht (§ 301 InsO), die bestehen ohnehin weiter und die Gläubiger können trotz Restschuldbefreiung weiter vollstrecken. Das erläutere ich unten noch detailliert.

2. Alternative: (Nummer 1, Alternative 2): Tabellenanmeldungen sind da, aber alle Insolvenzgläubiger bekommen ihr Geld zu 100 %, Kosten des Verfahrens berichtigt der Schuldner (siehe Beispiel zuvor) und er deckt die sonstigen Masseverbindlichkeiten.

Genau lesen! Der SCHULDNER muß a) Antrag stellen, b) Kosten des Verfahrens bezahlen und c) sonstige Masseverbindlichkeiten bezahlen. Steht da, daß er  auch die Insolvenzgläubiger befriedigen muß? NEIN!

Ergo: Die wohlmeinende Oma, der gutwillige Erbonkel, ein guter Freund, der Lebenspartner oder (kurioserweise) der Insolvenzverwalter mit der Insolvenzmasse – ein Dritter, wer auch immer und aus welchem Grund auch immer – muß die Insolvenzgläubiger befriedigen, NICHT der Schuldner mit seinen Leistungen nach Insolvenzeröffnung.

Beispiel: Kosten des Verfahrens 2.500 €, sonstige Masseverbindlichkeiten 500 € (Miete nach § 109 InsO z.B.), Insolvenzforderungen 15.000 €. In den zehn Monaten laufen bei den Insolvenzgläubigern weitere Zinsen von 1.500 € auf.

1. Abwandlung : Der Schuldner verdient monatlich 300 € pfändbares Einkommen, das an den Insolvenzverwalter abgeführt wird. Nach zehn Monaten hat er 3.000 € bezahlt und das reicht für die Kosten und die sonstigen Masseverbindlichkeiten. Sein Vater steuert die 15.000 € für die Insolvenzforderungen als Schenkung bei.

2. Abwandlung: Wie vorher, nur schafft es der Insolvenzverwalter, durch Insolvenzanfechtung 15.000 € zur Masse zu ziehen. Das ist zwar keine Leistung des Schuldners, das ist aber genau so ausreichend, denn die Befriedigung der Insolvenzgläubiger muß nicht auf einem Tun des Schuldners nach Insolvenzeröffnung beruhen.

Problem: (jetzt wird’s schwierig, weil dogmatisch) Der Gesetzgeber war schlampig. „Forderungen der Insolvenzgläubiger“ ist nicht eindeutig, auch wenn’s so aussieht.

Das sind nämlich nicht nur solche nach § 38 InsO behandelten Forderungen, die vor Insolvenzeröffnung entstanden sind. Also auch z.B. Kosten der Anmeldung der Forderung zur Insolvenztabelle oder Zinsen seit Eröffnung des Insolvenzverfahrens wie hier die weiteren 1.500 €. Die sind sogenannte „nachrangige Forderungen“ im Sinne von § 39 InsO und werden in der Regel nicht zur Anmeldung in der Tabelle zugelassen. Sie sind aber dennoch „Forderungen der Insolvenzgläubiger“, das Gesetz hätte einfach deutlich lauten müssen „Forderungen der Insolvenzgläubiger, soweit sie zur Tabelle angemeldet werden durften“ und die Sache wäre geritzt. Da wären wir wieder bei „hätte, hätte … Fahrradkette“. Das wird ein armer Tropf in seinem Verfahren ausprozessieren müssen, wenn’s mal zum Schwur kommt!

3. Alternative: (Nummer 2 in § 300 Abs. 1 Satz 2 Inso) Schuldner deckt die Kosten des Verfahrens und in der Masse ist genug, um an die Insolvenzgläubiger 35 % ihrer Forderungen zu bezahlen. Auf seinen Antrag gibt’s Restschuldbefreiung nach drei Jahren.

Wäre einfach, aber wenn man genau guckt, ist es das nicht!

Zunächst zu den „drei Jahren“. Hört sich kommod an, ist aber ein knallharter Stichtag, nämlich drei Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Beispiel: Eröffnung am 01.06.2016, drei Jahre wären am 01.06.2019 „rum“. Sind sie aber nicht – denn das ist ein Sonntag. Dann endet die Frist am nächstfolgenden Tag, also dem 02.06.2019. Exakt an diesem Tag, keinen Tag später (!!!) muß das Geld beim Insolvenzverwalter/Treuhänder vorhanden sein.

Beispiel (um es auf die Spitze zu treiben, damit die Idee klar wird): Der Arbeitgeber zahlt normal das Gehalt zum 28. des laufenden Monats. Mit der Zahlung für Mai 2019 (eigentlich am 28.05.2019 zu erwarten) wäre die Summe ausreichend und die Voraussetzungen erfüllt. Wegen der Feuertage um diese Zeit kommt es ausnahmsweise zu einer verspäteten Überweisung des pfändbaren Anteils des Maigehalts erst am 03.06.2019 an die Insolvenzmasse. Die Frist ist vorbei, das Geld war nicht da, die vorzeitige Erteilung der Restschuldbefreiung ist nicht möglich.

Stichtage sind gnadenlos – dafür aber eindeutig.

(Davon abgesehen, daß auch hier unklar ist, ob auch 35 % der nachrangigen Forderungen der Gläubiger befriedigt werden müßten …)

Auch hier wieder: Der Schuldner muß nur die Kosten des Verfahrens decken, woher der Rest in der Masse stammt, ist egal – wie vorher schon beschrieben: alle Varianten sind möglich.

Fällt etwas auf? Auf einmal sind die sonstigen Masseverbindlichkeiten, die bei Alternative 2 doch noch so wichtig waren?) verschwunden! Ist doch hervorragend, oder? Der Gesetzgeber hat gepennt, das nützt doch dem Schuldner!

So falsch kann man liegen! Restschuldbefreiung wirkt nur gegenüber Insolvenzgläubigern (§ 301 InsO), sonstige Masseverbindlichkeiten werden davon nicht erfaßt.

Bleiben wir bei den 500 €, die ich oben im Beispiel einführte: Die frühestmögliche Restschuldbefreiung ohne jede Frist- oder Stichtagsproblematik gibt’s nur, wenn alles, aber auch wirklich alles bezahlt ist inklusive sonstiger Masseverbindlichkeiten. Diejenige nach drei Jahren gibt es schon dann, wenn „nur“ alle Kosten berichtigt sind und die Gläubiger ihre Mindestquote erhielten. Die sonstigen Massegläubiger können nach wie vor sich am Schuldner gütlich halten, also im Zweifel auch gegen ihn die Zwangsvollstreckung betreiben. Da mußte der Gesetzgeber nichts regeln, das stand schon in § 301 InsO.

4. Alternative: Die Kosten des Verfahrens werden vom Schuldner gedeckt, fünf Jahre sind seit Eröffnung vergangen.

Stichtagsproblematik wie vorher!! Das Geld muß exakt fünf Jahre nach Eröffnung auf dem Konto der insolvenzmasse sein, keinen Tag später! Und es muß „vom Schuldner“ stammen, also nicht von einem zahlungsbereiten Dritten – das Gesetz ist denkbar eindeutig.

Beispiel: Eröffnung am 01.06.2014. Geld muß am (s. Beispiel oben) 02.06.2019 auf dem Anderkonto vorhanden sein.

Quote für die Gläubiger? Egal, die kann sogar 0,0 % betragen. Hauptsache, die Verfahrenskosten sind da. Hintergrund: Sonst hätte der Steuerzahler die aufgrund Stundung der Verfahrenskosten übernehmen müssen und aus Dankbarkeit, daß er damit nicht belastet wurde, schenkt er dem Schuldner ein Jahr der Wohlverhaltensphase.

Sonstige Masseverbindlichkeiten sind egal, denn: auf die bezieht sich die Restschuldbefreiung ja nicht – siehe oben.

 

 

die Quotenberechnung

 

Extrem wichtig für die Regelungen der Alternativen 2 (mit beiden Abwandlungen) und Alternative 3 ist das Erreichen von Quoten für die Insolvenzgläubiger.

Nochmals: es ist bis heute nicht entschieden, was genau die „Forderungen der Insolvenzgläubiger “ sind, denn das Gesetz ist schlampig formuliert.

Davon abgesehen:

Die Befriedigung der Insolvenzgläubiger kann sowohl im Insolvenzverfahren wie in der Restschuldbefreiungsphase stattfinden, die Auszahlungen an die Insolvenzgläubiger müssen aus beiden Verfahrensabschnitten addiert werden.

Beispiel: Insolvenzgläubiger haben 10.000 € zur Tabelle wirksam angemeldet. Im Insolvenzverfahren erhalten die Insolvenzgläubiger eine Quote von 12 %, also 1.200 €. Für die „3-Jahres-Lösung“ müssen ihnen also insgesamt mindestens 3.500 € zufließen. 1.200 € erhielten sie schon im Insolvenzverfahren, also fehlen in der Restschuldbefreiungsphase noch 2.300 € (die ja auch von einem fremden Dritten aufgebracht werden können).

Deshalb werden nach dem Insolvenzverfahren sogenannte „Verteilungsverzeichnisse“ veröffentlicht, damit alle nachrechnen können, wieviel ggf. noch fehlt.

 

die Praxis

 

Die Regelung, die ich hier behandelte, betrifft alle Verfahren, bei denen der Insolvenzantrag nach dem 01.07.2014 beim Insolvenzgericht einging. Wann danach das Verfahren eröffnet wird, ist egal. Somit sind jetzt erste Erfahrungen mit den Alternativen 1 bis 3 gemacht worden.

Erstaunlicherweise hatte ich in etwas mehr als 150 Insolvenzen über das Vermögen von Menschen (nicht Gesellschaften, da gilt das alles nicht) vier Verfahren, die ohne Tabellenanmeldung endeten (eines) oder bei denen die Anmeldungen so gering waren und keine sonstigen Masseverbindlichkeiten aufliefen, daß der Schuldner ruckzuck alles bezahlte durch sein pfändbares Einkommen(zwei Verfahren). Beide Verfahren hatten als Hauptgläubiger griechische Banken, die sehr hohe Forderungen nicht anmeldeten.

Im vierten Verfahren, das unter Alternative 2 fiel, erbte der Schuldner im Verfahren ein nur sehr gering beliehenes Haus. Darauf konnte er ein weiteres Darlehen aufnehmen, mit dem er alle Insolvenzforderungen vollständig bezahlte.

Also im Ernst: Alternativen 1 und 2 sind weltfremd und betreffen die „weißen Elefanten“ des Insolvenzrechts. Sie sind selten, aber es gibt sie!

Alternative 3 hat genau ein Schuldner bisher erfolgreich in Anspruch genommen. Seine Schulden waren relativ niedrig und er schaffte es, auf außergewöhnliche Weise „auf die Füße“ zu kommen und sehr hohes monatlich pfändbares Einkommen zu erzielen.

Ich erwarte allerdings, daß es deutlich mehr Gläubiger geben wird, die die Alternative 4 für sich in Anspruch nehmen wollen. Deswegen betone ich hier nochmals:

 

Stichtag ist Stichtag und das Geld muß „vom Schuldner“ stammen, nicht von wohlmeinenden Dritten!

 

Deshalb muß der Schuldner die Quelle der Gelder offenlegen, wenn er dazu aufgefordert wird (§ 300 Abs. 2 Satz 2 InsO). Nicht, daß da ein Schlaumeier auf die Idee kommt, Geld der Insolvenzmasse vorzuenthalten (zu „bunkern“), um dann billig die Schulden loszuwerden, indem er eine kleine Quote wieder herausrückt.

Beispiel: der nicht redliche Schuldner schafft 25.000 € auf die Seite, indem er sie bar bei seiner Oma in der Scheune deponiert. Er meldet Insolvenz an, zahlt aufgrund pfändbaren Einkommens an den Insolvenzverwalter und Treuhänder monatlich 300 €. In den drei Jahren zahlt er also 10.800 €. Seine Insolvenzforderungen werden mit 50.000 € zur Insolvenztabelle festgestellt, die Kosten des Verfahrens einschließlich der weiter angelaufenen Vergütung des Treuhänders betrugen 3.200 €. Sonstige Masseverbindlichkeiten gibt es nicht.

Für die Alternative 3 braucht er also 3.200 € Verfahrenkosten und 17.500 € für die Mindestquote an die Insolvenzgläubiger. Zusammen 20.700 €. Vorhanden sind 10.800 €, so daß noch 9.900 € fehlen. Die holt er aus der Scheune und zahlt sie auf das Anderkonto seines Verfahrens ein (oder er läßt einen Freund sie überweisen – was auch immer). Für sich behält er also 15.100 € … denkt er.

Das kommt dem Treuhänder spanisch vor und er verlangt Auskunft, woher die Gelder stammen. Wenn man dem unredlichen Schuldner (und ggf. seinem hilfreichen Freund) auf die Schliche kommt, gibt es nicht nur keine Restschuldbefreiung, sondern zudem noch ein Strafverfahren wegen Vorenthaltens und Verschleierns  von Vermögen sowohl gegen den Schuldner wie den Freund – das nennt das Strafrecht wie der Volksmund Bankrott. Nicht schlau, so oberschlau sein zu wollen!

BILDUNG, BILDUNG, BILDUNG!

Man kann’s bald nicht mehr hören: „Bildungsoffensive“, „lebenslanges Lernen“, „bildungsferne Schichten“ – ein beliebtes Thema beliebiger Tiefsinnigkeit. Und doch: da steckt etwas dahinter das man nur als perfide und diskriminierend bezeichnen kann. Machen wir uns die Mühe und schauen genauer hin:

1. Was ist „Bildung“ im Sinne dieser Proklamationen?

Lassen wir die vielen theoretischen Begriffsdefinitionen und das weite Spektrum der damit gemeinten Begriffe außen vor, das verstellt nur den Blick auf die jetzige Analyse.

Bildung wird reduziert auf (vor allen Dingen beruflich und damit vorrangig wirtschaftlich nutzbares) geistige Fähigkeiten wie Lesen/Schreiben/Rechnen (Stichwort: „PISA-Studie“) und fachliches Sonderwissen (dem „technischen Fortschritt“ geschuldet).

Alle anderen Ansätze, egal ob religiös, philosophisch oder soziologisch sind für die hier interessierende politische „Herausforderung des 21. Jahrhunderts auf dem Weg in die Wissensgesellschaft“ von eher nur folkloristischer Bedeutung. Es macht sich immer gut, Herder zu zitieren … ohne ihn wirklich zu meinen.

2. die Perfidie des Verlangens nach nie endender Bildung

Mit dieser Orientierung an „verwertbaren Ergebnissen“ der Bildung für Familie, Beruf und Karriere wird den Menschen ein Tort angetan. Denkt man diese Herausforderung des „lebenslangen Lernens“ gemeint als dauernder Neuerwerb weiteren Wissens weiter, ist ihr Scheitern darin angelegt.

Die erste Perfidie ist, daß denklogisch jeder Mensch an diesem Anspruch scheitern muß. Niemand kann unendlich lernen, selbst die weisesten Köpfe der Menschheit mußten sich auf einzelne Sektoren des gesamten theoretisch möglichen Wissens beschränken. Je länger also der Vorgang des „Bildens“ andauert, desto spezialisierter wird das Wissensgebiet werden. Jeder erreicht also sein eigenes Niveau des „Fachidiotentums“ – sei es als besonders qualifizierter Techniker, Produktionsmitarbeiter, kaufmännischer Mitarbeiter.

Die zweite Perfidie: Bildung ist dann immer mehr Hemmschuh als Hilfsmittel, denn je spezialisierter ein Mensch gebildet ist, desto unflexibler wird er. Auf einem anderen als seinem Spezialgebiet hat er ja den Vorteil der vorherigen Bildungsarbeit nicht mehr, er reiht sich unten in der Pyramide der Bildungshierarchie wieder ein. Das ist Verlust an Lebensleistung und an Sicherheit, nicht zuletzt auch an ökonomischem Gewinn aus der Bildungsarbeit.

Bildung bewirkt also auf diese Art falsch verstanden eine Erstarrung der Gesellschaft. Das entfernt sie von den ursprünglichen Idealen und hat somit perverse Ergebnisse.

Die dritte Perfidie ist, daß auf diese Art sich korrekt verhaltende „Spezialsachbearbeiter“ der irrigen Annahme aufsitzen, daß Fachwissen gleichbedeutend mit Führungsqualität sei. Getreu dem Motto: Mein Vorgesetzter ist nur deshalb mein Chef, weil er mehr weiß als ich. Nein, genau das ist nicht die Qualifikation eines Vorgesetzten. Das ist die Qualität eines Dozenten, der ausschließlich dazu da ist, Wissen zu vermitteln und Hörer zu befördern. Diese verquere Selbsteinschätzung der zu Bildung Angespornten Spezialsachbearbeiter ermutigt zu fleißigem Sachbearbeitertum, nicht aber zur Führungspersönlichkeit. Diese Schwelle überschreiten immer weniger und damit steigt die Reichweite der wenigen, die dann noch echte Vorgesetzte sind. (Ob das auch die Erklärung dafür ist, daß die sich die Taschen immer hemmungsloser immer voller stopfen? Eine überlegenswerte These!)

3. die Diskriminierung durch das Verlangen nach moderner Bildung

Jeder muß (mindestens sein Berufs-) Leben lang lernen. Er muß weiter kommen, mehr wissen, Dinge besser können, mehr Dinge schneller erledigen können. Ausgesprochen oder unausgesprochen ist das die Idee der Bildungsoffensiven welcher Couleur auch immer.

Eine schöne Illusion, die sich wunderbar und vermeintlich menschenfreundlich allenthalben verbreiten läßt. Wer kann da schon etwas dagegen sagen? Es klingt so positiv und zukunftsorientiert. Noch ein paar wirre Drohbilder von ameisenfleißigen Milliardenheeren an Chinesen und Indern, die sich aufmachen, die Welt zu erobern und sich untertan zu machen – fertig ist das politisch perfekte und nahezu unangreifbare Postulat. Niemand von ganz links bis ganz rechts schreitet ein und tritt dieser Diskriminierung entgegen.

Machen wir uns nichts vor: Lernfähigkeit und Lernwilligkeit sind nicht gleich verteilt. Einigen fällt fast alles leicht (in der Schule waren die sogar in Sport gut und nicht nur in Physik, Mathe, Geschichte, Latein und Französisch). Manchen fällt sehr viel leicht und für manche kommen mit etwas Anstrengung in der Regel ordentlich mit und ein nicht unerheblicher Teil ist mit Lernen schon seit der Schule auf dem Kriegsfuß. Eine ganz gewöhnliche Normalverteilung, wie sie für die Menschheit unvermeidlich ist.

Nicht aber für die Protagonisten der derzeitigen Bildungsbewegung. Die behaupten und unterstellen nämlich (unausgesprochen aber als zwingende Annahme der Behauptung), daß jeder Mensch in gleichem Maße gebildet werden können muß. Unabhängig von Stand und Vermögen – weshalb es dann auch leicht ist, gleich die Korrelation von Bildung und Einkommen anzuprangern, wenn’s der eigenen Argumentation dient.

Die Welt ist aber nicht so. Selbst mit herausragender Pädagogik ist eine einheitliche Lernfähigkeit und erst recht Lernerfolg nicht zu erreichen. Mit steigenden Anforderungen wird es immer mehr Menschen geben, die nicht in der Lage sind, damit Schritt zu halten.

Nicht drum herum geredet: Das Verlangen nach lebenslangem Lernen diskriminiert diejenigen, die davon überfordert sind und schließt sie zwingend von Teilhabe am Erfolg aus. Je anspruchsvoller das Bildungsverlangen (gerichtet vorrangig an die Werktätigen) im Laufe der Zeit werden wird (werden muß), desto mehr Menschen werden diesen Weg nicht (mehr) mitgehen können.

Das ist vielleicht einer Eigenanalyse der Betroffenen nicht so zugänglich, aber die Symptome dieses Abkoppelns werden dort sehr wohl und sehr fein verstanden. Berufliches Fortkommen ist das Pendeln zwischen Sozialbezug und eigenem Erwerbseinkommen ohne Aussicht auf soziale Anerkennung durch beruflichen Aufstieg. Mangels solchen Aufstiegs ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit spürbar geringer, der Lebensstandard kann allenfalls gehalten aber keinesfalls gesteigert werden.

Die noch dem Bildungszuwachsanspruch Gewachsenen müssen von ihrem sauer Verdienten einen immer größeren Teil für Transferleistungen des Staates abgeben, um diese „bildungsfernen Schichten“ zu alimentieren und auf diese Art auch zu sedieren. Gleichzeitig ziehen sich diese erheblichen Bevölkerungsschichten immer mehr von der Teilnahme am Voranbringen der Gemeinschaft zurück und entwickeln eigene Strategien der bestmöglichen Einrichtung in einem immer mehr unverstandenen System.

Diese Diskriminierung erfaßt immer mehr Menschen, was sich konsequent so entwickeln muß. Steigende (zwingend spezialisierende) Anforderungen an zusätzliche Bildung produzieren immer mehr diesen Anforderungskanon nicht mehr Gewachsene und gleichzeitig werden die von den noch im System des Bildungsaufstiegs unterhaltenen Systeme immer komplizierter und komplexer. Der Blick auf einen übergeordneten Zusammenhang wird immer mehr verstellt durch in der Priorisierung vordringliche Detail- und Ausführungsfragen.

Verwaltung statt Führung, Apodizismen statt (immer schwerer vermittelbarer) Erklärung sind die Folge. Nicht umsonst wird dann von „alternativlosen“ Situationen gesprochen.

4. das Verlangen nach vor allem beruflicher Bildung schwächt statt zu stärken

Die gerade parteiübergreifend in der „demokratischen Mitte“ von Grünen bis CSU unisono postulierte „zukünftige Wissensgesellschaft“ führt also zu perversen Ergebnissen und schwächt die Leistungsfähigkeit der Gesamtgesellschaft anstatt sie zu fördern.

Die steigende Zahl der unzufrieden Abgekoppelten verweigert sich dem System, das ihnen keine Teilhabe (mehr) eröffnet und sucht Fluchten. Genau das ist der Boden, den Bauernfänger an den Rändern für sich bereitet wissen wollen. In einer wissensabgewandten Bevölkerung sind die für das technoid-spezialisert argumentierende Verwaltungswesen und seine komplexen Prozesse der Meinungsbildung erforderliche Detailkenntnisse der Fakten irrelvant. Ein neuer Raum der bildungsabgewandten „fake news“ und auch der das stimulierenden Einmischung in die Meinungsbildung durch übelwollende Fremde ist eröffnet.

Das ist auch – nicht alleine! – der fruchtbare Boden, auf den der Samen der Rechtspopulisten fällt und keimt. Das ist auch der Grund, warum dieses Mal die Dinge anders liegen als zu Zeiten der Republikaner und dieses Phänomen nicht mit den Mitteln von damals eingedämmt werden kann. Manche verstehen das vielleicht nicht und handeln dann dumm mit unerwünscht negativem Ergebnis für den so sehr gewollten eigenen Erfolg.

5. wenn schon, dann richtig

Bevor das umfassende Verständnis der Bildung zuschanden kam, hatte der Grundansatz etwas Einnehmendes. Bildung war eben gerade nicht nur auf unmittelbaren ökonomischen Gewinn aus, sondern trachtete nach geistiger Zerstreuung. „Bildende Kunst“ in jedwelcher Form und sei es in der Schönheit von Gebäuden, Stadtentwürfen oder Gemälden und Statuen, Möbeln, Kleidung erfreut jedermann und hebt den Geist. Sie ist aus dem großen öffentlichen Raum verdrängt, sie fördert kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr. Die Gewalt der Literatur und des Theaters ist reduziert auf „blockbustertaugliche“ Formate, die leicht konsumiert und schnell vergessen sind. Musik ist zum Download verkommen, nur ganz wenige und immer weniger stechen aus der Masse der gleichförmig-schlichten einer echten Bildung fernen „Unterhaltungserzeugnisse“ noch heraus. Stattdessen inszeniert jeder sich und öffentlicher Narzissmus der Selfie-Gesellschaft hat diese Kulturform ersetzt.

Sobald dieses Manko einer öffentlichen Bildung im öffentlichen Raum aufgeholt ist, wird sich der Rest von alleine ergeben – sogar bis hin zu einem ökonomischen Nutzen. Wenn sich alle wohler fühlen, werden sie lieber und besser arbeiten , wenn durch eine wohlverstandene „allgemeine Bildung“ die Bedeutung des ökonomischen Erfolges die unbedingte und unerbittliche Priorität einbüßen, wird die befreite Seele sich wieder dem Gemeinsamen zuwenden können.

Das soll nicht das drängende Problem der verarmenden Vorstädte herunterspielen, aber schon alleine das einem Bildungsideal möglichst entsprechende Wohnumfeld schafft ein anderes Klima für die Bewohner und bewirkt eine Umorientierung. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war das die Siedlungsbewegung, die z.B. Orte wie Köln-Bickendorf, die Junkers-Siedlung in Dessau oder Limburgerhof in der Pfalz zu einer eigenen Blüte brachte. Alleine „Licht, Luft und Bäumchen“ statt der Gewaltformensprache moderner Hochhausvorstädte (Köln Chorweiler, Berlin Marzahn usw.) würde an der Haltung der Bewohner mehr ändern als jede staatliche Bildungsmaßnahme für alles Geld der Welt.

Darauf aufbauend eine auf nicht nur berufliche Bildung und Verwertbarkeit aufbauende humanistische Schulbildung mit Lehrplänen nach Maßgabe der Leistungsfähigkeiten der unterschiedlichen Menschen – die konsequente Fortschreibung dieser umfassend verstandenen Bildung wäre wieder ein europäisches Novum für die Welt. Und enthöbe uns der Auseinandersetzung im industriell geprägten Wettlauf der Kontinente um „Bildungsführerschaft“ im beklagenswerten derzeitigen Verständnis.

Peugeot 204 Coupé aus 1969

Heute mal wieder was gänzlich unjuristisches. Dafür schön. Und alt.

Die Leidenschaft für Autos der Marke Peugeot aus deren „goldenen Jahren“ hat mich ja schon seit Kindesbeinen gepackt. Typischerweise sanfter Fahrkomfort, gediegene Ausstattung, technisch grundsolide und mit einem gewissen optischen Pfiff (den man überwiegend der Feder des Designhauses Pininfarina zuschreiben muß).

Kein Wunder, daß damals die Marke die meistimportierte in Deutschland war. Vorurteilsfrei betrachtet waren die Löwenautos immer ganz vorne in ihren Klassen „bei der Musik“.

Zuerst ein bißchen Geschichte
(weil das Modell hier nahezu unbekannt ist):

Die Baureihe 204 erschien 1965 und war das erste Frontantriebsmodell der Marke. Dazu noch ein quer eingebauter Vollaluminium-Motor, also aus teurem Werkstoff gebaut. Und ein gemeinsamer Ölhaushalt für Motor und (darunter liegendem) Getriebe – kannte man bis dato vorrangig aus dem englischen Originalmini. Also auch ein bißchen intellektueller Pfiff.

Viel pfiffiger und für ihre Zeit unglaublich fortschrittlich aber die Karosserie der klassischen viertürigen Limousine. Zeitlos-schöne Linien mit einem wohlproportionierten Kühlergesicht, das prägnant die Marke widerspiegelt. Dazu für die Klasse (Opel Kadett, Ford 12M, VW 1500 – wenn sich da einer was drunter vorstellen kann) elend langer Radstand für ungewöhnlich großzügigen Innenraum für vier Erwachsene und ein brauchbarer Kofferraum.

Technisch auch sonst der deutschen Starrachs-/Heckmotor-Konkurrenz von VW, Ford und Opel Meilen voraus: Federbeine (Stoßdämpfer wird von der Fahrwerksfeder umschlossen) rundum, Einzelradaufhängung hinten. Und damals konnten die Fahrwerkstechniker ihr Zeug, mein lieber Schwan! Sanftester Abrollkomfort, nicht allzuviel Seitenneigung, keinerlei Schaukeleien und Gemeinheiten im sicheren und neutralen Fahrverhalten dank gut abgestimmter Dämpfung, eine Lenkung mit heute noch niedrigen Kräften, angenehmem Gefühl für die Straße und ohne Antriebseinflüsse. So und nicht anders gehört das. Das eigentlich Erschütternde: so gehört das heute noch, und zwar ohne die Hilfe von rechnergestützten Hilfseinrichtungen wie ESP und Assistenten(wahn)unsinn. Und kaum einer kann das mehr …

Die deutsche Presse war entsetzt, als neben diesem kleinen Peugeot, der immerhin noch konservativ als Stufenhecklimousine vom Band lief, dann auch noch der R16 von Renault erschien. Der trieb die Dinge auf die Spitze mit seinem Schrägheck mit Heckklappe und einer völlig neuen Variabilität des Innenraums. Kurz gesagt: Von ADAC motorwelt über hobby bis hin zu auto, motor und sport waren sich alle einig, daß das die neue technische Führerschaft europäischen Massenautobaus sei und Deutschland den Anschluß gründlich verpaßt habe.

Nur: Limousine habe ich doch schon. Der 504 TI … und dazu noch eine 204 Limo?

Und wie bei so manchem Massenhersteller gibt es auch ein paar ausgefallene Stücke, die im Laufe der Zeit realisiert werden. Zumeist sind das Ableger einer Großserie, denen man das Dach abschneidet und sie als Cabrioversion verkauft. Das wäre aber zu einfach, um wirklich spannend zu sein! Selten waren diese Exoten schon als sie neu waren, heute sind sie rar. Und rar ist wirklich so gemeint. Laut Kraftfahrtbundesamt sind in Deutschland genau drei von diesem Modell registriert. Eins davon: meins. Nicht von ebay, sondern einem Händler in den Niederlanden.

Also muß was anderes her. Ein Coupé(chen) fehlt noch.

Peugeot ist todescool und amputiert der Limousine die hinteren Türen mitsamt Kofferraum und ersetzt sie durch ein Fließheck mit Heckklappe. Dazu – heute würde man das wohl so sagen – „choppt“ man das Dach und läßt den Wagen gedrungener wirken.

 

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Innen bleibt es grundsätzlich bei der Ausstattung der Limousine mit den ewig großen Ablagen im Armaturenbrett, der Lenkradschaltung und der immensen Bewegungsfreiheit durch fehlenden Mitteltunnel und -konsole. Alleine mit dem Platz im Armaturenbrett käme ein Junggeselle für das Gepäck seines dreiwöchigen Sommerurlaubs aus – gefühlt sind das dreißig Liter vorneweg.

 

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Das Raumgefühl ist phänomenal vor allem im Vergleich zu heutigen Panzerspähwagen. Im „Vergleichskasten“ vor dem Beifahrersitz sind zwei Bremsscheiben zu 245 mm. Man sieht: da ist auch längerer Aufenthalt keine Qual.

 

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Echte Rücksitze „gehen sich nicht aus“, ein Notsitzbank für Kinder paßt aber noch hinein. Umklappbar (einfach in der Mitte entriegeln und nach vorne werfen) vergrößert sie den Kofferraum auf Kombiformat. Da die Beifahrerlehne vorne auch vorklappen kann, gehen maximal zwei Meter lange Kartons ins Auto! Auch ohne Klappen ist der Kofferraum für zwei unglaublich großzügig, perfekt in fast kubischem Format (etwa 90 cm breit, 90 cm tief und vielleicht 30 cm hoch, geschätzt also ca. 270 l Volumen) und rundum verkleidet.

 

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Die Rundumsicht ist im Vergleich zu modernen Autos ohne jeden Kameraschnickschnack perfekt, obwohl die Fenster ja durch das abgesenkte Dach niedriger ausfallen als bei der Limousine. Selbst mit 190 cm Länge kann ich vorne aufrecht sitzen und habe noch wenige Millimeter Luft zum Dachhimmel. In den weichen Polstern sinkt man natürlich auch mehr ein, was sicher hilft. Die Sitzposition ist eh antiquiert. Das ist kein Fremdwort für unbequem, sondern einfach nur heute überholt. Man hat das Lenkrad relativ nah vor sich, dazu ist es vergleichsweise flach eingebaut. Zum Rennenfahren ungeschickt und im (Un-)falle sicher nicht gesund, aber für die Armhaltung auf längeren Fahrten angenehm. Man beachte die praktische Sitzlehnenverstellung durch zwei Rändelschrauben (!!) – immerhin sind sie überhaupt verstellbar, wenn auch nicht „bequem während der Fahrt“ …

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Der Entwurf geht auf die frühen 60iger zurück und damals war das mit dem „Heizen und Lüften“ noch nicht so ein Schwerpunkt des Insassenkomforts. Ja, beides ist vorhanden und aufpreisfrei (bei Triumph kostete im TR4 die Wagenheizung noch Aufpreis!). Gebläse gibt es auch, nur fehlt es an Luftdüsen. Eine unter dem Armaturenbrett in der Wagenmitte und zwei kleine verstellbare oben unter der Windschutzscheibe. Fertig. Kann reichen, tut es aber ab 25° nicht, also Seitenfenster runter. Anders als heutzutage geht das sogar gut bis etwa 100 km/h, ohne daß es unerträglich zieht oder rauscht. Warm wird es auch, aber leider hat der Motor nur einen 75°-Thermostat. Wenn er also mühsam sich selber bei Temperatur hält, fällt es ihm doch schwer, ausreichend Heizleistung zu produzieren. Ganz ernsthaft: Klimatisierung ist das Gebiet des besonders deutlich merkbaren Fortschritts im Komfort der Autos. Alles andere gab es früher auch schon und mindestens so gut wie heutzutage. (Von Unfallsicherheit und Schadstoffausstoß brauchen wir nicht zu reden – der Motor hat keinen Katalysator und das Auto keine Sicherheitsgurte, die Sitzlehnen sind nicht arretiert und klappen ungebremst vor.)

 

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Bei der Ausstattung gewinnt das ab Werk sündteure Wägelchen (nahezu 9.000 DM entsprachen einem gut ausgestatteten Opel Rekord und nicht einem Kleinwagen von knapp 3,70 m Länge) zusätzlich durch aufwändig gepolsterten und gedämmten Dachhimmel und zeitgenössisch-üppige Dekoration der Türverkleidungen. Dazu Halogenfernscheinwerfer im Hauptscheinwerfer integriert; das war alles zu seiner Zeit nicht klassenüblich.

 

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Dennoch hat das Auto eine sehr zierliche Form bekommen und ist gerade für den Stadtverkehr von perfektem Maß: knapp 1,5 m breit, keine 3,7 m lang. Parken ist problemlos, durch dichten Verkehr wuselt man lässig durch, wo große Limousinen oder erschreckend große „SUV“ nicht auf Anhieb passen. Klein ist flott, dick ist out!

Und der Haupteinsatzzweck ist auch angesprochen: Nicht die Rennstrecke, sondern die Stadt und ihr Umland, auch ein Wochenendausflug tut nicht weh. Für das viele Geld gab’s nämlich nicht viele Pferde, sondern die Standardausstattung der Limousine. 1.118 Kubikzentimeter Hubraum hat der Vierzylinder und da kommen sanfte 53 PS bei flotten 6000/min heraus. Am Lenkrad werden die vier Vorwärtsgänge geschaltet und bei aller Anstrengung käme man in ca. 20 s aus dem Stand auf 100. Schneller als knappe 140 wird die Fuhre eh nicht, so daß das Tempolimit in Frankreich leicht einzuhalten ist.

Das hört sich asthmatisch an, ist es aber im Alltag nicht. Der Vergasermotor zieht sauber auch aus niedrigster Drehzahl, das Getriebe ist kurz übersetzt. Bei 100 km/h im vierten Gang sind schon 4000/min fällig! Der Anzug in den unteren drei Gängen ist sehr brauchbar, auswringen muß man die Maschine nicht. Man merkt, daß da Ingenieure und Techniker beteiligt waren und Kaufleute meilenweit  weg in einem anderen Büro saßen. Der 1. Gang ist extrem kurz, so daß man beim Rangieren die Kupplung nicht malträtieren muß und auch im steilen Geläuf noch loskommt. Faktisch: anrollen, in den zweiten schalten. Der ist als „Stadtgang“ aus Schritttempo bis zu 50 km/h relativ spurtstark (quasi für enge Gassen entweder zwischen anderen Autos oder Häusern). Der dritte ginge zum engen Überholen auch bis über 100 km/h, aus der Landstraße kommt man zügig auf 80 und kann dann im vierten mit ordentlichem weiterem Durchzug rechnen. Klar: kein Sportwagen, aber für Leistung und Gewicht auf diese Art bewegt gefühlt mindestens 60 PS stark. 

 

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Maximal 5000/min reichen, um heute noch im Verkehr mitzuhalten. Dabei fällt auf, daß der Motor unglaublich laufruhig ist. Weder das übliche Dröhnen noch sonstige Störfrequenzen werden lästig, es macht  unglaublich Spaß, mit dem Wägelchen zügig auch längere Landstraßenetappen unter die Räder zu nehmen. Ein einfaches Mittel (wie gesagt: es waren Ingenieure!) für Motorlaufruhe: Vorne am Motorblock unter dem Abgaskrümmer ist ein merkwürdiger Alutopf. Kein Ölfilter, auch sonst irgendwie komisch: es führt keine Leitung hin oder weg und auch Kabel sucht man vergebens. Da drin verbirgt sich ein Eisengewicht, daß Gegenschwingungen zu den Motorvibrationen überträgt und so dem Vierzylinderbrummen abhilft.

Weiterer Trick an der Sache: die Kompaktheit erlaubt in Ortsdurchfahrten ungebremstes Passieren von für heutige Autos bei Gegenverkehr unüberwindlichen Engstellen, das Fahrwerk ermöglicht behendes Fahren auch auf mäßiger Wegstrecke ohne Tempoverlust und der angenehm ansprechende Motor mit geschickt gestuftem Getriebe verliert nicht übermäßig Kraft und Temperament. Man muß ihn „französisch-elastisch“ steuern, dann geht einem ernsthaft auf Landstraßen nichts ab. Die Autobahn ist nicht sein Revier, da macht einem die airbaglose Winzigkeit eher Angst. Ein VW Polo wirkt neben ihm schon riesig, ein Audi Q2 hat die Anmutung eines Lastkraftwagens, wenn das Coupéchen daneben steht.

Also wird es artgerecht bewegt und alles ist gut. Dazu reichen sechs bis sechseinhalb Liter SuperPlus auf 100 km und auf haben es die modernen „Errungenschaften“ der Autoindustrie ganz schön schwer, noch so richtig zu glänzen …. !

Nicht so schön ist die Versorgung mit Ersatzteilen. Manches gibt es überraschenderweise (so sehr gute Öldruckstoßdämpfer „made in Japan“ von KYB), manches nur schwer (Bremsscheiben vorne z.B.) und manches gar nicht mehr (Domlager der Federbeine). Gottseidank ist das Auto teuer gebaut, so daß einmal instandgesetzt so schnell kein erneuter Handlungsbedarf entsteht. Das merkt man übrigens auch am Gewicht, da ist von „Leichtbau“ keine Spur. Volle 880 kg stehen auf der Waage; das spricht für „aus dem Vollen gefräst“ statt Dünnblechbau.

In ihrer Genialität haben die Konstrukteure allerdings auch manche Kompliziertheit erfunden, die so sicher nicht sein mußte. Bekannt sind die 204/304-Baureihen u.a. für den „um die Ecke“ zur merkwürdig nach unten gekippten Lichtmaschine geführten Keilriemen und für nicht immer leichten Zugang zu Antriebsteilen.

 

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Als Stundenlöhne noch nicht so hoch waren, konnte man lockerer eine Maxime von erschütternder Schlichtheit verfolgen: „Wartung so einfach wie möglich, Reparatur so einfach wie nötig.“ Konsequenz: Ölwechsel, Luftfilterwechsel, Kühlermittelwechsel, Zündkerzen tauschen, Zündung oder Vergaser einstellen machen keine Arbeit. Standardreparaturen sind zumeist noch vernünftig zu erledigen. Echte Reparaturen sind kompliziert, weil nicht selten die Anweisung anfängt mit „bauen Sie den Triebwerksblock aus“. Da sind zehn Stunden schnell beisammen und alleine das kostet in der Werkstatt ruckzuck 1.000 € heutzutage.

Aber nochmal und ganz deutlich: Das braucht’s seltenst, denn: ein gut gewarteter Peugeot hält und hält und hält und hält!

Mein Coupé hat wohl nie Salz gesehen und möglicherweise nicht einmal besonders oft im Regen gestanden. Die Laufleistung von etwas mehr als 45.000 km in 48 Jahren erscheint wegen des Zustandes plausibel. Das wird sich nun deutlich schneller ändern, aber ich denke, daß mit so um die 5.000 km pro Jahr es dann auch gut sein wird. Alles nur eben erreichbare wird ständig geölt, an Pflege mangelt es nicht und derzeit dankt es das Wägelchen mit immer muntererem Fahren und steigender Freude an dieser Art der Entschleunigung.

Private Krankenversicherung – Fluch oder Segen?

Die derzeit laufenden Koalitionsverhandlungen bringen mit der Überschrift „Bürgerversicherung“ genau diese Frage wieder aufs Tapet.

 

Abseits aller Politik: Hat die private Krankenversicherung wirklich nur Vorteile oder sind da auch Pferdefüße?

 

Die Stammtischweisheit besagt im Positiven:

  • Der Versicherungsschutz ist viel weitgehender als bei der gesetzlichen Versicherung.
  • Die Ärzte sind viel lieber bereit, Privatpatienten zu behandeln, so daß man schneller an Termine kommt.
  • Außerdem spart das eine Menge Geld im Vergleich zum Beitrag der GKV („Gesetzlichen Krankenversicherung“).
  • Erst durch die teuer abzurechnenden privatärztlichen Leistungen ist eine Arztpraxis wirklich rentabel zu betreiben.

Die Stammtischweisheit besagt im Negativen:

  • Im Alter explodieren die Beiträge.
  • Man kommt irgendwann auch mit Tricksereien nicht mehr zurück in die GKV.

Und jetzt mal „aus der Praxis für die Praxis“ – und mit einem etwas anderen Blickwinkel:

 

Vordergründig stimmt das mit der „besseren Leistung“ im Vergleich zur GKV in den meisten Fällen tatsächlich. Pauschal stimmt’s nie, denn anders als bei der GKV sind die konkret versicherten Leistungen von Vertrag zu Vertrag verschieden. Wer z.B. im Alter aus Kostengründen in die sogenannte „Mindestversicherung“ umsteigt, wird genau dieselben Leistungen wie ein GKV-Patient ersetzt erhalten. Manche Anbieter machen diese „Minimalpakete“ auch so schon allen zugänglich. Damit ist man in jeder Hinsicht einem GKV-Patienten gleichgestellt einschließlich „Selbstbeteiligung pro Quartal“ und Abrechnungsmöglichkeit des Arztes.

In aller Regel aber sind die Leistungen besser bei Privatversicherten. Bessere Krankenhausunterbringung, „Chefarzt“-Behandlung, Ersatz auch von Heil- und Chiropraktikerleistungen, Zahnersatz, Seh- und Hörhilfen.

Aber: Nichts ist umsonst.

 

Mehrleistung erfordert auch Mehrprämie. Satt. Über Selbstbeteiligung oder „Beitragsrückerstattung“ wird es für den Versicherten verpflichtend oder attraktiv, kleinere Beträge selber zu bezahlen und nicht seiner Versicherung einzureichen. De facto also eine versteckte „Beitragserhöhung im Schadensfall“ – damit das Kind mal einen zutreffenden Namen hat. Das kann deftig werden! Bei mir z.B. 3.100 € Selbstbehalt pro Jahr zusätzlich zur Monatsprämie.



Beispiel: Meine Krankenversicherung kostet 340 € pro Monat zuzüglich einem Selbstbehalt von 3.100 €, also bis zu 7.180 € pro Jahr. Die GKV wäre nicht viel billiger!

Will man weitere Absicherungen wie z.B. Krankengeld, muß das gesondert versichert (und bezahlt) werden. Bei der GKV ist das „im Preis“. Also: „Lohnfortzahlung“ ab dem 42. Tag (der Vergleichbarkeit wegen) mit einem dem Nettoentgelt eines Tages entsprechender Summe kostet monatlich als Daumenregel ungefähr so viel wie eine Tagesleistung.

Beispiel: 120 € pro Tag Krankengeld ab dem 42. Tag kosten monatlich etwa 120 € Prämie.

Möchte das Milchmädchen nochmal rechnen? Schon ist die PKV mit „Luxusleistungsumfang“ TEURER als die gesetzliche Versicherung.

Dazu kommt: Als Privatpatient bekomme ich für jede Leistung eine Rechnung, die ich bezahlen muß. Meine Versicherung erstattet mir diese Beträge nur. Ich trete also immer in Vorleistung und muß hoffen, schnell und vollständig mein Geld von dem Versicherer zu erhalten. Da gibt es schnelle Regulierer und Schnecken … und schon sitze ich im Risiko! Ich bin nämlich der Vertragspartner des Arztes, nicht die Versicherung; anders ist das bei der GKV! Da ist der Versicherer aufgrund der „Zulassung als Kassenarzt“ der Vertragspartner des Arztes und bezahlt ihn auch direkt. Der Patient ist Begünstigter dieses Vertrages, weshalb die Patienten auch bei der Verhandlung der Honorare nicht entscheidend beteiligt werden.

Lehrsatz: Die Leistungen für Privatpatienten sind immer um ein vielfaches teurer als für GKV-Versicherte, nur wenige versicherten Zusatzleistungen gleichen das nicht aus.



Die Privatpatienten werden leider auch nicht beteiligt: Die Arzthonorare entsprechen denen der GKV, mit einem kleinen Haken: Sie werden mit einem Faktor X multipliziert. Der kann bis zu vierfach sein, in der Regel ist er 2,3.

Beispiel: Ein GKV-Patient im MRT kostet ca. 350 €. Ein Privatpatient bekommt eine Rechnung über runde 800 € (!!). Wen wundert’s, daß bei der Mörderkohle Termine für Private „vorrangig“ vergeben werden? Eine „Mehrleistung“ ist damit übrigens nicht verbunden – das MRT ist dasselbe, die Bilder sind die dieselben …

Hinzukommt: wer garantiert mir, daß mein Versicherer nicht Pleite geht? Niemand. Alle lehnen sich zurück und verweisen auf die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen und das schon seit 1902 geltende Versicherungsaufsichtsgesetz. Was haben wir 2008 gelernt? Es nützt die schönste Regelung zur Aufsicht nichts, wenn sie nicht funktioniert.

Ach ja: Die „Familienversicherung“ gibt es bei Privaten natürlich nicht. Jeder Mensch ist ein Kunde, jeder Mensch hat seinen Vertrag und muß Prämien zahlen. Kinder, Greise, Arbeitslose, Elternteile daheim ohne Einkommen – völlig egal.

Beispiel: Familie mit zwei Kindern, Mutter verdient auf 450 €-Basis dazu, Vater Alleinverdiener, Kinder sind Schüler. Beitrag zur GKV: ca. 15 % vom Brutto bis zur Bemessungsgrenze maximal. Also derzeit ca. 650 € maximal. In der PKV: VIER Verträge, viermal Prämie. Vater mit Entgeltfortzahlung ab dem 42. Tag, Mutter ohne, Kinder mit eingeschränkterer Leistung im Krankenhaus und bei Zahnersatz. Vaters Prämie um die 400 € pro Monat, Muttern kostet etwa 280 € und jeder Sprößling weitere 80 €, zusammen schlappe 740 € zuzüglich Selbstbeteiligung im Schadensfall.



Lehrsatz: Privat lohnt sich am ehesten für Singles und „DINKS“ (Double income, no kids – beide Partner der kinderlosen Partnerschaft verdienen).

Daraus macht man dann: „Privatversicherung privilegiert die Reichen“ – und führt mit der Neiddebatte eine unsachliche Komponente in die Diskussion ein. Der Satz: „GKV privilegiert Familien zu Lasten der Versichertengemeinschaft.“ müßte noch geschrieben werden.

Das Unverständnis der systematischen Unterschiede beider Versicherungen ist eh unausrottbar. Die GKV ist eine Umlage der erwarteten Kosten auf die erwarteten Einkommen aller Versicherten (und spart nur ganz gering Kapital zur Deckung zukünftiger Risiken an). Die Privatversicherung ist genau das nicht. Sie ist die mathematische Umrechnung eines Kostenrisikos der Gegenwart und erwarteten Zukunft verteilt einkommensunabhängig auf die Summe der Versicherten (und spart Kapital zur Deckung zukünftiger Risiken an).

Der Pferdefuß der Privatversicherung

 

ist damit angesprochen, der sich gewaltig auswirkt.

Die „Kapitaldeckung“ der Privaten ist ein enormes Risiko, das der GKV völlig fremd ist!

Die Privaten rechnen (wie alle Kapitalanleger) mit einer gewissen Rendite aus ihren Ansparrücklagen. Bleiben die Zinsen aus, geht die Rechnung nicht auf. In „höheres Risiko“ dürfen sie nicht (mehr), also muß aus den Beiträgen mehr zurückgelegt werden, weil die Anlagen nichts abwerfen. Folge: Beitragserhöhungen.

Die Privaten bilden für die Prämienberechnung „Tarifgruppen“.

 

Die GKV tut das nicht, bei der sind alle Versicherten gleich und profitieren auch gleich.

Diese „Tarifgruppen“ wirken doch eigentlich gerecht, oder nicht?

 So kann man sich täuschen!

Das sagt einem keiner bei Vertragsabschluß, aber die Wirklichkeit ist (oft und immer öfter) gnadenlos: Jeder Tarif eines Anbieters ist eine eigene Gruppe. Der Tarif wird also berechnet aus dem voraussichtlichen Bedarf der darin Versicherten. Funktioniert gut, wenn die Versicherten eine relativ homogene und gleich bleibende Gruppe von Risiken sind. Also: Etwa gleich viele Gesunde wir Kranke, etwa gleich viele Junge und Alte. Gleich viele schlechte Prämienzahler und gute.

Aber: Die Versicherer wollen ihren Marktanteil ausweiten. Also werden immer neue „Produkte“ erfunden und vertrieben. Jedes neue „Produkt“ ist eine neue Tarifgruppe! Wer nur das Neue verkaufen will, kümmert sich um die Bestandsangebote nicht mehr. Manchmal wird dann auch der „Vertrieb dieser Tarifgruppe eingestellt“.

Das Todesurteil für die Versicherten!

Denn: ab dann ist die Gemeinschaft der Tarifgruppe nicht mehr homogen, sondern altert gemeinsam und wird gemeinsam teurer und teurer. Eine „Solidargemeinschaft aller Versicherten“ (wie in der GKV) gibt es nicht, nur die „Zwangsgemeinschaft der einzelnen Tarifgruppe“.



Was wäre die Abhilfe? Klar: Wechseln in eine andere Tarifgruppe bei demselben oder gar einem anderen Versicherer. Für junge Verträge ab 2005 geht das eigentlich relativ einfach, für ältere Verträge nicht ohne weiteres. Beim Wechsel des Versicherers kommt es oft zu Problemen, wenn Vorerkrankungen vorliegen. Kein Unternehmen ist gezwungen, einen Vertrag abzuschließen (außer für die Mindestversicherung im Leistungsniveau der GKV). Und schon hat sich das was mit Anbieterwechsel!

Lehrsatz: Privat ist nur für Gesunde, Kranken schadet sie oft mehr als sie nützt!



Damit aber noch nicht genug: Manche Versicherer sind irgendwann an der Fortsetzung ihres Geschäftes nicht mehr interessiert. Sie wollen die Krankenversicherung einstellen, jedenfalls so nicht weiter führen. Was passiert? Sie werden „übernommen“ als ganzes oder die einzelnen Verträge auf einen neuen Versicherer übertragen.



Eine Unverschämtheit für die Versicherten – die das schon oft klaglos hinnahmen!

Damit sind erhebliche Nachteile für den Versicherten verbunden:

Seine Tarifgruppe wird höchstwahrscheinlich vom neuen Übernehmer nicht mehr beworben – mit dem oben geschilderten Effekt. Einen Wechsel in die eigenen vorher geführten Tarifgruppen mag man auch nicht haben und läßt das schlicht nicht zu. Warum? Logisch, oder? Alle wollen dann in die „attraktiveren“ Tarifgruppen des Übernehmers fliehen und das verändert dort das Risiko, das bis dato Grundlage der Prämienberechnung war. Das würde die Bestandskunden des Übernehmers verärgern. Also: einen solchen Wechsel läßt man nicht zu.

Beispiel: Aus eigener Erfahrung zu berichten: Mannheimer Krankenversicherung ist der ursprüngliche Versicherer. Stiftung Finanztest bewertet ihn „in der Spitzenklasse“, die Tarife sind moderat und daher Versicherer der Wahl. Leider ist die ganze Mannheimer Gruppe (erst recht die damaligen Lebensversicherer) eine Zockerbude und bringt das Geld schneller durch als es verdient ist. Die Lebensversicherung ist pleite, die Krankenversicherung wird fusioniert. Die Continentale übernimmt den Versicherungsbestand. Tarifwechsel in die Continentale-Angebote wird nicht ermöglicht. Die früheren „Mannheimer Tarife“ werden nicht mehr beworben.

Es wird nur eine Frage weniger Jahre sein, bis einem die Prämien explodieren.

Lehrsatz: Privatversicherer sind keine Wohltäter, sie haben ihre Kapital- und Gewinninteressen im Auge und nicht die bestmögliche Verwaltung des Bestandes der Versicherten.

Auch die

Abwicklung im Schadensfall

beleuchte ich hier noch, um die Unterschiede herauszuarbeiten. 

Bei Kleinrechnungen und ambulanten Behandlungen legt der Versicherte der Privaten alle Rechnungen aus und erhofft Erstattung durch den Versicherer. Oder er trägt sie, weil sonst seine Beitragsrückerstattung ausfällt oder der Selbstbehalt noch nicht erreicht ist.

Bei großen Rechnungen geht der Versicherer in die erste Reihe und erlaubt dem Arzt/Krankenhaus, direkt abzurechnen. Dazu werden die Ansprüche aus dem Versicherungsvertrag insoweit an den Behandler abgetreten. Der rechnet direkt mit dem Versicherer ab und erhält von dort sein Geld. Ggf. verlangt der Versicherer dann die Selbstbeteiligung bei dem Versicherten.

Wenn’s nur so einfach wäre!

Die Wahrheit ist unangenehmer und enttäuscht. Der Behandler rechnet nur die Summe mit dem Versicherer ab, die er von einem GKV-Versicherer bekäme (also in der Regel den einfachen Satz oder z.B. im Krankenhaus die „Fallpauschale“). Alles weitere rechnet er wie üblich mit dem Versicherten ab – der spart also exakt gar keine Arbeit und hat auch keine Ruhe bei teuren Behandlungen, sondern muß wieder in Vorkasse treten und auf Erstattung hoffen.

Beispiel: Krankenhausaufnahme stationär mit Operation für drei Tage im Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung. Voruntersuchungen, Nachuntersuchungen.

Krankenhaus rechnet mit Versicherung Fallpauschale ab. JEDE einzelne Leistung wird außerdem zusätzlich privat abgerechnet. JEDE. Visite? Kostet extra. Narkose? Kostet extra. Verbandsmaterial der Nachsorge? Kostet extra. In diesem Fall kommen im Laufe von zwei Monaten nach Entlassung sage und schreibe elf (!!!) getrennte „Privatabrechnungen“, die in der Summe höher sind als die Fallpauschale.

Der GKV-Patient im Zweibettzimmer hat pro Tag seine Selbstbeteiligung zu bezahlen und das war’s. Einfach, problemlos – und für das Krankenhaus wirtschaftlich ein knappes Geschäft. Die paar Mehrleistungen blasen den Erlös pro Patient auf mehr als das Doppelte auf. So viel (schlechten) Schokopudding kann ich als Privatpatient gar nicht extra essen, daß sich das rechnet!



Lehrsatz: Private Versicherungen sind nur solange gut wie man sie nicht braucht!

Und jetzt nochmal:



Ist die GKV wirklich so schlecht und die private Krankenversicherung der Himmel auf Erden? Objektiv muß man beides mit „NEIN“ beantworten.

Ich komme auf eine

Grundüberzeugung

zurück: Daseinsvorsorge verträgt generell keine Privatisierung. Weder Polizei noch Militär, Gesundheit und auch Energieversorgung und öffentlicher Verkehr dürfen zum Schutz der Betroffenen nicht mit wesensfremden Interessen an Gewinnmaximierung zusammengebracht werden.

Wasser verträgt sich auch nicht mit einer heißen Herdplatte.

Dreimal das gleiche – oder doch nicht?

Da muß man schon verrückt sein, um innerhalb von nur zwei Jahren dreimal das gleiche Auto zu bestellen, oder? Nun, so verrückt nun auch nicht, wenn einem das „Kurzzeitleasing“ der Daimler AG dieses Manöver erleichtert.

Was das ist? Ein Angebot, für zwölf bis 18 Monate ein Auto dort zu leasen. Ohne Sonderzahlung. Zu attraktiven Kosten. Weit weniger Leasingrate als der Wertverlust in dieser Zeit, also rechnerisch vernünftig.

 

Vorteile: Man hat immer ein neues Auto. Trickreich gemacht muß man ggf. nicht einmal zur Inspektion. Reparaturkosten fallen keine an, Ersatz für abgefahrene Reifen braucht man nicht. Zum TÜV muß man auch nicht. Die Kosten sind extrem überschaubar: Leasingrate, Tanken, Steuer, Versicherung. Fertig.

 



Nachteil: Das Angebot betrifft immer einen Neuwagen. Also wird immer der Anschaffungspreis höher als bei einem jüngeren Gebrauchtwagen sein, ergo auch die Raten höher.

 

Der Anteil der Leasingrate an den Kosten ist hoch: Bei meinem Modell etwa 66 %. Kurz gesagt: was er verbraucht, ist für die Gesamtkosten weniger wichtig als was er kostet!

Wer ist denn „er“?

 

Alle drei Autos sind Mercedes C 400 T. Der unauffällig-starke Kombi der C-Klasse. Um die Vor- und Nachteile der C-Klasse soll es hier nicht gehen, die kann man überall nachlesen oder als Video ansehen. Ich trage keine Eulen nach Athen.

 

Ein blauer,

 

 

 

ein blaugrüner

 

 

 

und ein schwarzer.

 

 

 

Also alle drei doch nicht das gleiche?

 

Auch technisch unterschiedlich:

Der blaue ist noch mit der alten 7-Gang-Automatik ausgestattet und hat das Serienfahrwerk.

Der blaugrüne hat das neue 9-Gang-Getriebe und Luftfederung.

Der schwarze hat zusätzlich Standheizung.

 

Alle haben den 3-Liter-Biturbo-V6-Benziner mit 333 PS und Allradantrieb. Alle haben innen die designo-Ausstattung in sattelbraun. Da sollte sich doch so viel nicht an

 

Unterschieden

 

ergeben, oder?

Doch!

 

Das Getriebe macht einen deutlichen Unterschied. Nicht wegen der Übersetzungen, die sind gar nicht so viel anders: Der 7. Gang ist kaum kürzer übersetzt als der 9. im neuen Getriebe. So oder so sind das Spargänge, bei 1000/min fährt man mehr als 60 km/h. Das neue Getriebe schaltet aber sanfter auch in kaltem Zustand und funktioniert viel besser mit dem Start-/Stop-System. Die feineren Abstufungen zwischen dem 1. und dem 9. Gang erlauben sehr fein angepaßte Drehzahlen, so daß der Durchschnittsverbrauch um etwa 0,5 L/100 km niedriger ist. Normal rollt man mit maximal 2000/min entspannt herum. Soll es schnell schneller werden, ist der 9-Gang-Automat fixer im Herunterschalten. Das Bessere ist des Guten Feind!

 

Die Airmatic genannte Luftfederung hielt ich für überflüssig beim ersten (dem blauen). Er hat Stahlfedern. Ich kann die Fahrwerke gut vergleichen, denn die Bereifung ist immer dieselbe: Seriengröße 225/50 R 17. Und dann ergibt sich: Airmatic ist besser. Nicht immer, aber in vielen Fällen.

Wann nicht? Beim Anfedern auf kurzen Unebenheiten. Kanaldeckel, schroffe Löcher im Asphalt, schlecht verlegtes Kopfsteinpflaster. Da sind sie alle unerwartet schroff. Luftdruck unter 2,5 bar absenken (ich empfinde 2,35 als guten Kompromiß, der noch keinen ernstlichen Mehrverbrauch auslöst) hilft ein bißchen.

Wann doch? Beim Verarbeiten von allen Fahrbahnunebenheiten ab Tempo 50 – egal, ob Wellen, Absätze (Autobahnbetonplatten!) oder Spurrillen. Dazu immer auf gleicher Höhe unabhängig vom Beladungszustand. Dämpfung variabel einstellbar (Sport ist schon deutlich härter, Sport+ ist unangenehm), eine Spielerei, die man bald läßt. Ein C-Kombi ist kein Rennwagen, Comfort ist gut. Dazu kann man ihn höher einstellen, was beim Überfahren extremer Hindernisse hilft und beim Befahren steiler Rampen in Parkhäusern die Angst vor dem Aufsetzen „mit dem Bauch“ nimmt.

Lohnt sich also. Vor erhöhtem Reparaturrisiko habe ich keine Angst, dank Kurzzeitleasing ist mir das Wurscht. Bevor was Teures kaputt geht, habe ich das Auto ja schon lange nicht mehr.

Standheizung – wie habe ich sie vermißt! Warmes Auto, warmer Motor (nur beim Sechszylinder, die kleineren Motoren werden nicht vorgewärmt – warum auch immer?). Erstaunliche Erkenntnis: Sie bringt keinen Mehrverbrauch, sondern senkt sogar den Durchschnitt. 

Hat mich auch gewundert, erscheint aber nachvollziehbar: Der Motor wird bei rechtzeitig vor Abfahrt anlaufender Heizung so weit vorgewärmt, daß er sofort ohne Kaltstartanreicherung läuft. Bei sechs Zylindern ist der „Kaltstartmehrverbrauch“ höher als der Verbrauch der Standheizung in der kurzen Vorheizzeit. Ich fahre winters mit Verbräuchen herum, die auf dem Niveau hochsommerlicher Werte liegen. Extremtest anhand einer Standardstrecke (ich fahre sie immer zur selben Zeit an immer demselben Wochentag bei immer gleichem Verkehr): Der 7-Gänger ohne Standheizung wollte bei 0° um die 11 L/100 km. Der 9-Gänger ohne Standheizung wollte um die 10,4 L/100 km. Der 9-Gänger mit Standheizung will 9,0 L/100 km. Effektiv ist der 9-Gänger mit Standheizung die sparsamste Variante.

Was fällt sonst auf?

 

Alle drei sind aus der Zeit „vor Modellpflege“ (oder vorMOPF für Benz-Buddies). Sollten also alle drei gleich sein, oder?

Nö.

Neuerdings muß man für die Uhr im Armaturenbrett Aufpreis zahlen. 59,50 €, um genau zu sein. Ohne sieht’s fad aus!

Die Mercedes-Plakette in der Grilleinfassung vor dem Haubenstern. Die ist jetzt immer schwarz, kann also auch „nicht so gut zum Lack passen“. Aufpassen!

 

Der letzte ist bei den Abrollgeräuschen leiser als seine Vorgänger. Sowohl Reifen- wie Fahrbahngeräusche sind besser gedämmt.

Die Verarbeitung ist nicht in allem besser als vorher. Beim schwarzen (dem jüngsten) ist das Lederlenkrad pickelig und faßt sich unangenehm an. Außerdem brummt er im Antrieb bei zwei Geschwindigkeiten – irgendwas an dem komplexen Allrad sitzt nicht in perfekter Flucht, vermute ich. Wäre es meiner, würde ich reklamieren, bis es weg ist. Vorteil der Leaserei: Eigentlich ist es mir den Aufwand nicht wert – ich leb’ damit, einmal habe ich’s angezeigt und das muß reichen.

Die Lederverarbeitung ist nicht immer gleich gut: Das Leder an sich ist sehr gut in der Qualität, aber die Aufpolsterung der Sitze gelingt nicht immer gleich. Das kann dann unangenehmen Versatz ergeben (Übergang Sitzfläche zu Oberschenkelauflage vorne).

 

 

Allen gemeinsam ist, daß die Wischer vorne nicht rubbelfrei laufen. Der linke zittert immer mit seinem untersten Blattende. Justieren der Wischerarme (da gibt es extra ein Werkzeug dafür!) hilft nicht, da scheint ein Problem des Anpreßdrucks, der Scheibenkrümmung und der Vorspannung der Wischer ungelöst zu sein. Irgendwie hadert Mercedes ja nicht selten mit den Wischern, die immer Experimentierfeld waren („Einarmwischer“, „Schmetterlingswischer“, „Doppelarm parallel“ und wie die Versuche alle hießen).

Ach ja – eine Gemeinsamkeit haben sie noch: horrender Wertverlust! Auf ein Jahr und unter 15.000 km gehen bei etwas anspruchsvollerer Ausstattung 40 % vom Listenpreis verloren. Attraktiv für Zweitkäufer, der Wahnsinn, wer ihn neu kauft statt zu leasen! Der starke Motor „ohne AMG“ ist nicht gesucht, Extraaustattung ist gebraucht nichts – jedenfalls nicht mehr viel – wert.

Sonst: Fährt sich sehr souverän und entspannt ohne sportliche Ambition am besten, ist aber sauteuer. Als junger Gebrauchter sinnvoller für längere Nutzung aber ohne Garantieverlängerung ein teures Reparaturrisiko wegen komplexer Technik.

Beispiele Geschäftsführerhaftung

Zum Jahresanfang setze ich meine kleine Reihe „Probleme der GmbH“ mit einem Horrorkabinett fort:

 

Die beiden vorherigen Beiträge befaßten sich mit der abstrakten Herleitung der Geschäftsführerhaftung und der Haftung der Gesellschafter für das Aufbringen (und Verbleiben) des in der Satzung festgelegten „Stammkapitals“ zur freien Verfügung der Gesellschaft.

 

Jetzt geht es ans Eingemachte, die Geschäftsführerhaftung in der recht simplen Fassung des § 64 GmbHG (und den zusätzliche geltenden Vorschriften) erfüllen wir mit Leben.

 

Was steht denn da in diesem ominösen § 64 GmbHG?

Die Geschäftsführer sind der Gesellschaft zum Ersatz von Zahlungen verpflichtet, die nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit der Gesellschaft oder nach Feststellung ihrer Überschuldung geleistet werden. Dies gilt nicht von Zahlungen, die auch nach diesem Zeitpunkt mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmanns vereinbar sind. (…)

 

Erste Feststellung:

 

Die Haftung nach dieser Norm gilt nur gegenüber der GmbH. Gläubiger können damit zunächst nichts anfangen, sie sind nicht anspruchsberechtigt. „Was soll mir denn da passieren? Gesellschafter sind doch meine Frau und ich – und wir machen das einfach nicht geltend.“

 



Problem: Ist die Gesellschaft insolvent, ist der Insolvenzverwalter der Vertreter der Gesellschaft. Er macht also die Haftungsansprüche geltend. Von der Massemehrung profitieren dann am Ende auch die Gläubiger, weil es eine höhere Quote gibt.

 

Zweite Feststellung:

 

Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung sind Anknüpfungspunkte.

Achtung: Das Gesetz spricht von „Eintritt der Zahlungsunfähigkeit“ und „Feststellung der Überschuldung“.

 

Andere Wort, andere Buchstaben – das muß was anderes sein!

 

Zahlungsunfähigkeit ist definiert als „der Zeitpunkt, in dem das vorhandene und kurzfristig liquidierbare Vermögen nicht mehr ausreicht, um fällige Verbindlichkeiten rechtzeitig zu bedienen“. Der BGH konkretisiert: Sie tritt ein, wenn mehr als 10 % der fälligen Verbindlichkeiten nicht mehr pünktlich bedient werden können. Schuldet die GmbH also z.B. aktuell fällig 15.000 €, muß sie mindestens 13.500 € sofort flüssig machen können, sonst ist sie zahlungsunfähig.

 

Um diesen Begriff und seine konkrete Bedeutung ranken sich unzählige Entscheidungen der Gerichte. Kann sie z.B. beseitigt werden und die GmbH wieder gesund sein und später erneut zahlungsunfähig sein oder wirkt dann die erste Zahlungsunfähigkeit noch fort? Die Verästelungen sind zu vielgestaltig, um sie hier vollständig wiederzugeben.

 

Nur einen Lehrsatz kann ich nach 25 Jahren Berufserfahrung aufstellen: Sie ist viel früher da, als der Geschäftsführer denkt. Sehr viel früher. Wenn der Geschäftsführer meint, es „drohe“ Zahlungsunfähigkeit, ist sie in der Regel schon mindestens sechs Monate vorher eingetreten. Pech für den Geschäftsführer, sein Hals steckt in der Schlinge und er wippt mit der Leiter, auf der er steht!

 

Überschuldung dagegen muß „festgestellt“ werden.

 

Sofort fragt man sich: Und wer macht das, dieses „Feststellen“? Einfache Antwort: Der Geschäftsführer natürlich. Pflichtgemäß und regelmäßig. Je kritischer es steht, desto öfter. Im Zweifel wöchentlich!

Und komme mir keiner mit der Ausrede „das sollte der Steuerberater doch machen, aber der kommt ja zu nichts“. Zum einen ist die Sache nicht „delegierbar“, sondern ureigenste Hauptaufgabe des Geschäftsführers. Zum anderen sind nach meiner Erfahrung 99 % der Steuerberater überfordert, was den Überschuldung überhaupt ist. Also: An einen Ahnungslosen zu delegieren, entlastet nicht!

 

Endgültig vielvielviel zu spät ist es, wenn in der Handelsbilanz auf der linken Seite unten „nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag“ erscheint. Ich behaupte: Dann ist es meistens Jahre zu spät.

 

Die Bilanz ist für die Feststellung bedeutungslos (und das sorgt dafür, daß kein Steuerberater noch versteht, um was es geht – die können in der Regel nur das). Stattdessen muß ein Vermögensstatus erstellt werden. Alle Aktiva der GmbH und alle Passiva zu echten Werten in einer Gegenüberstellung. Bilanzwerte sind vollkommen schnuppe, es geht ausschließlich darum, wieviel jedes Teil bringt oder nicht – Unverkäufliches ist nichts wert, auch wenn es mit Millionen in der Bilanz steht.

 

Zeitwert statt Buchwert!

 

Beispiel:

Maler Klecksel GmbH führt ein Auto mit einem Buchwert von 15.000 € und einem Zeitwert (Händler-Einkaufswert) von 5.000 € in den Büchern, Werkzeug für 2.000 €, das vielleicht noch 200 € beim Verkauf bringt, Vorräte an Farben usw. von 500 €, die alle wegzuwerfender Anbruch sind (also 0 €) und Forderungen gegen Kunden von 25.000 €. Davon sind 5.000 € wegen Mängeln streitig, 8.000 € gegen einen insolventen Bauträger wertlos und nur etwa 6.000 € noch innerhalb des Zahlungsziels.

 

Aktivseite Bilanz: 42.000 €.

 

Vermögensstatus Aktivseite: 5.200 € für Auto und Werkzeug. 6.000 € Forderungen sind noch gut, 13.000 € sind wertlos, der Rest von 6.000 € wird auf die Hälfte abgewertet, weil irgendwas nicht koscher ist (warum haben die Kunden sonst noch nicht bezahlt?): 9.000 € Forderungen plus der Rest: 14.200 € und keinen Cent mehr.



 

Auf der Passivseite wird das nicht besser: Alle Verbindlichkeiten kommen hier rein, alte und neue sowie mit Sicherheit schon zu erwartende, die nur noch nicht fällig sind.

 

Also: Lieferanten haben noch 2.500 € zu bekommen, die Löhne für den laufenden Monat sind schon halb verbraucht mit (incl. Sozialabgaben) 3.000 €, die Umsatzsteuer aus den 6.000 € Forderungen mit 1.140 € ist am 10. des Folgemonats fällig, die Bank will für die Autofinanzierung noch 10.000 € sehen.

 

Und schwups: 16.640 € sind offen. 

Überschuldung ist eingetreten!

 

Im übrigen: hier würde ich wetten, daß mit dem finanzierten Autokauf die GmbH überschuldet war. Eine substanzlose Gesellschaft erwirbt ein viel zu teures Wirtschaftsgut auf Kredit – so etwas geht nie gut.

 

Hier können wir die Diskussion um den Wertmaßstab („Fortführungswerte“ oder „Zerschlagungswerte“ – je nachdem, ob die GmbH wahrscheinlich überleben wird oder nicht und wie man auf diese Prognose kommt) weglassen. Malerbetriebe haben keine Differenz – sie sind bis auf wenige Ausnahmen alle auf diese Art unterwegs.

 

„Feststellen“ hätte das der Geschäftsführer müssen, indem er einen solchen Vermögensstatus laufend führt und regelmäßig fortschreibt. Tut keiner, weiß keiner – und am Ende ist der Geschäftsführer genau so pleite wie seine GmbH.

 

Oberschlaue wenden jetzt ein: tja, keine Feststellung getroffen, keine Überschuldung – steht doch so im Gesetz! So falsch kann man liegen: Der Geschäftsführer muß pflichtgemäß einen solchen Vermögensstatus stets führen. Tut er das nicht, haftet er für das Unterlassen. Dann stellt im Zweifel ein Sachverständiger nach Auswerten der Geschäftsunterlagen fest, wann spätestens Überschuldung pflichtgemäß hätte festgestellt werden müssen – und dieses Datum gilt dann.

In einen solchen Status das gekaufte Auto eingetragen hätte sich die Katastrophe gleich offenbart und entweder wäre man weiter ohne ausgekommen oder hätte ein billigeres gekauft – „hätte, hätte – Fahrradkette“!

 

Denn: Wie wirkt sich die Haftung gegenüber der Gesellschaft denn nun aus? Anders gesagt:

 

Was will ein insolvenzverwalter denn dann vom Geschäftsführer haben?

 

Die Zahlungen der GmbH werden seit Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder der erstmalig festzustellenden Überschuldung geprüft. Zu erstatten sind z.B.:

Zahlungen der Arbeitgeberbeiträge der Sozialversicherung (!!)


Kundenzahlungen auf ein im Soll geführtes Konto


Lohnzahlungen an Mitarbeiter (!!!)


Zahlungen an z.B. Steuerberater


Zahlungen an Subunternehmer


einseitig besserstellende Zahlungen an Gläubiger (z.B. Stadtwerke, um das Abstellen des Stroms zu verhindern).



 

Maßstab: nur die Zahlungen sind ungefährlich, bei denen dem Vermögen der GmbH etwas Verwertbares etwa gleichen Wertes als Ausgleich zufließt und bei Insolvenzeröffnung noch vorhanden ist. Das ist so gut wie nie der Fall!

 

Daneben haftet der Geschäftsführer bei einer zahlungsunfähigen/überschuldeten GmbH aus anderen Gründen z.B. für Lohnsteuern, nicht abgeführte Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer, aus dem Gedanken des Eingehungsbetruges und der Insolvenzverschleppung sowohl auf den Schaden durch seine fehlerhafte Geschäftsführung (dieses Mal den geschädigten Gläubigern gegenüber unmittelbar!) wie strafrechtlich. Dazu eine einfache Daumenregel z.b. des Landgerichts Mannheim:

 



„Für jede Million Schaden wird ein Jahr gesessen.“



 

Noch einmal und sehr eindringlich also die Frage:

 

Wozu eine GmbH gründen, wenn damit nichts, aber auch gar nichts einfacher oder besser wird?

 

Ach ja: Die Gesellschafter können natürlich auch wegen der mangelhaften Geschäftsführung und des dadurch verursachten Verlustes der Geschäftsanteile Ansprüche geltend machen. Als ob das vorher nicht schon reichete ….

 

Die Raubkatzen sind los!

 

 

Nach all’ der „Geschäftsführerhaftung“ (so was schüttelt man auch nicht mal eben aus dem Ärmel) war dank Facebook der Freitag Vormittag vergnüglich. Eine „könnte Dich interessieren“-Annonce von Jaguar. „Art of Performance am Hockenheimring am 17.11.2017“.

 

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Mal draufklicken, was das ist. Interessant – und weitgehend ausgebucht. Nur von 9 – 10.30 Uhr ist noch was frei. Ich hab’ frei – das fügt sich ja bestens! Anmeldung ausgefüllt und abends die Bestätigung im Maileingang. Sehr gut organisiert, schon alleine das ist ein Lob wert.

Also beizeit’ aufgestanden, schick gemacht, gefrühstückt und los. Speyer-Hockenheim kann nur an den Rheinbrücken verstaut sein – war’s nicht. „Läuft!“

Flink den „Check In“ absolviert und Teilnehmerausweis erhalten. Weiße Bändchen kommen zuerst auf den Parcours mit Hütchenspiel und fahren danach in geführter Gruppe. 

Nicht lange fackeln – Aufstellung!

Jaguar hat nicht lange gefackelt – eine Armada von XE, XF, XF Shooting Brake, XJ und F-Pace steht bereit. Kein F-Type, leider. Dafür aber durchaus dicke Motoren, auch „S“ mit 380 PS sind aufgereiht. Zumeist aber Diesel. 

Zu zweit geht’s pro Auto auf die Runden.

 

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Instruktoren entlang der Route, Sprechfunkcoatching für Orientierungslose oder zu sehr Querbeschleunigte. Anregung an Jaguar: Die Hütchenreihen könnten etwas deutlicher sein – mein Beifahrer verliert in der ersten freien Runde die Orientierung und folgt einer „Hilfsgasse für Instruktoren“. Die sind schön erschrocken!

Parcours ist nett – anfangs Pylonenwedeln, dann scharfes 270°-Abbiegen, Einfädeln in Haarnadel, von dort voll Stoff auf eine Ausweichgasse zu, wieder scharf weg und schon in der Kurve frühes Vollgas, damit für die am Ende folgende Vollbremszone genug Tempo drauf ist. Easy.

Oder auch nicht. Schon eine Vollbremsung überfordert etwa die Hälfte der Teilnehmer. Wir kommen so mit knapp Tacho 90 angebraust, hauen beim Markierungshütchen mit aller Kraft schnellstens das Bremspedal durch und schaffen um die und knapp unter 20 m. Manche segeln leicht verzögernd an der 40er Marke vorbei; die Angst am Stauende, ob’s der Hintermann wohl schafft, ist begründet!

Zuerst sitzen wir in einem XE 2.0 Diesel Automatik. Fährt sich wirklich gut, wenn auch der Diesel „unten“ nicht recht hinfaßt und man ihn wirklich auswringen muß, wenn man mit einem bißchen Ehrgeiz unterwegs ist. Immerhin: Bordrechner verkündet nur 16 L/100 km. Unserer stinkt nach heißer Bremse am Ende der vier Umläufe. Aber: Das kann er richtigrichtigrichtig gut. Fahrspaß kommt auf.

Umsteigen in den „SUV“ F-Pace. Was ein Koffer im Vergleich! Immerhin: Unserer hat den „dickeren“ Diesel, der Vierzylinder heißt dann 25d. Aus dem Stand ist er schneller als der XE, aber dann wird gelenkt. Der Bär kann tanzen! Aber bärig … Ohne blöd: Das Einlenken ist sehr spontan aus der Nulllage, aber dann kommt quasi der Schwerpunkt gewichtig ins Spiel. Das Heck wird deutlich herumgedrückt und die Hinterachse muß Schwerstarbeit leisten. Das merkt man, aber nicht unangenehm. In ganz engen Kurven rutscht der Bär einfach über alle Viere, da muß man mit mehr Lenkeinschlag kompensieren und einfach gnadenlos mit Gas und Allrad die Fuhre auf Richtung bringen. Wir beiden kriegen das richtig gut hin und sind erstaunt, daß der Bremsweg sich nicht vom XE unterscheidet.

Aber: was im XE spielerisch geht, ist im F-Pace bräsiger, weniger direkt und leichtfüßig, sondern angestrengt-kontrolliert. Fahrspaß schwindet; man sagt, „für seine Klasse“ sei das sehr gut. Mag sein. Objektiv ist es das nur bedingt!

 

Auf die Straße!

 

Geführte Tour ist gut ausgesucht – auf dem Rheindamm von Hockenheim nach Ketsch. Ideale Teststrecke, da wellig, ausgebessert, schaukelig und querberillt. Ist meine persönliche Fahrwerksteststrecke.

Ich hatte mich für einen XE eingetragen und darf aus der dafür hergebrachten zweiten Flotte auswählen. „S“ steht drauf. Steht für Hinterradantrieb und 380 PS aus 3 Liter-Sechszylinder mit Achtgangautomatik. Steht auf 19“ Winterrädern. Fährt super. Klingt wohl auch dynamisch, sogar innen ist beim Hochdrehen „Sound“. Auf die Dauer wär’s mir zu „sportlich“, das nervt nach ein paar Stunden am Stück nur. Aber: „Geschmack ist jedem seine Sache“, soll schon der Alte Fritz gesagt haben.

Auf der Teststrecke überzeugt er mit untadeligem Fahrverhalten sowohl beim Einlenken wie überraschenderweise bei Anfedern und Wegdämpfen. Das ist Spitzenklasse. Besser als bei meinem Alltagsbenz mit Luftfederung auf komfortablen 17“-Reifen in Westentaschenformat. Sehr beeindruckend, ganz ehrlich.

Auch die Automatik (von ZF) überzeugt. Bei normaler Fahrt in „D“ unmerkliches Durchschalten, Herunter kann selten mal etwas rucken, wenn’s eilig sein soll. In „S“ wird’s hektisch, eilfertig purzeln die Getriebezahnräder in allzu schneller Folge auf der Suche nach Leistung und Drehzahl. Das ist überflüssig, der Motor zieht wie ein Ochse und braucht diese Mätzchen nicht. Dann wird das Schalten auch uncool, der Automat sucht ständig den vermeintlich optimalen Gang und würfelt regelrecht, bis ihm was gefällt. In einer Anfahrt – Durchfahrt – Ausfahrt im Kreisel bei zügigerem Tempo zähle ich sieben (!!!) Schaltvorgänge. Das ist Stuß.

Heizen tut er gut, lenken tut er sehr gut, Verarbeitung und Materialien sind sehr guter Klassenstandard für „Premium“, Bremsen, Federn und Dämpfen tut er ausgezeichnet. Also insofern ein knallharter Konkurrent zu Mercedes C 43 AMG. 

Aber nicht immer!

Jaguar hat es leider versäumt, neben einer recht attraktiv-sportlich-schnittigen Form sowohl in Silhouette wie Front- und Seitenansicht auf die praktischen Dinge des Autofahrens ausreichend deutlich zu achten. Und das rächt sich, vor allem, wenn man 190 cm lang ist.

Der Reihe nach:

 

Der Einstieg ist im Vergleich zur Mercedes C-Klasse katastrophal. Vorne ist der „lichte Kopfraum“ im Türloch allenfalls 25 cm, danach kostet die lange und flache A-Säule Platz. Im Benz sind da mehr als 40 cm Platz. Man muß sich regelrecht hineinzirkeln. Der Fußraum vorne ist im Vergleich zum Benz schmerzhaft kleiner, ich denke, daß das schon recht kriegsentscheidende 3-4 cm auf jeder Seite sind. Mehr wie ein 3er BMW, sozusagen.

Mittelkonsole ist eine Fehlkonstruktion. Schlichtweg. Das Fahrerknie stößt an eine harte Kante, das ist lästig. Die Armauflage taugt dann und nur dann, wenn man die Hände oben am Lenkrad hat („zehn vor zwei“). Schon bei Handhaltung weiter unten ist sie unverrückbar deutlich im Weg. Für den Beifahrer ist sie das immer, denn der hält ja kein Lenkrad. Sehr lästig und ein echtes Kaufhindernis!

Hinten ist das Einstiegsloch noch enttäuschender. Die Türe verdeckt sicher 20 cm blechernes Radhaus, wirkt also außen viel größer als der Einstieg in Wirklichkeit ist. Allen Ernstes: In einen neuen Seat Ibiza/VW Polo steige ich komfortabler ein als in den Jaguar XE. Peinlich so was!

Auch der Limousinenkofferraum überzeugt nicht. Durch die flach und langgezogene Heckscheibe ist die freie Ladeöffnung winzig. Es mag sein, das theoretisch sechs Wasserkästen reinpassen. Praktisch wird das keiner tun, ohne seinen Chiropraktiker dazuzuholen: Der Kofferraum ist tief, am Ende hat er auch noch einen Buckel. Wie soll ich denn da einen vollen Wasserkasten von 20 kg hinbekommen und erst recht wieder raus?? Weltfremd so was.

Der gesamte Raumeindruck ist wenig überzeugend, die Übersicht im Vergleich zur C-Klasse mangelhaft. Die Armaturenlandschaft quillt regelrecht auf einen zu, die Gürtellinie ist elend hoch und man hat das Gefühl, im Auto eingemauert zu sein. Im Vergleich sitze ich „im“ Jaguar und „auf“ dem Mercedes. Wer sich übrigens über dessen antiquierte Menüführung ärgert, möge sich den Touchscreen-„konfigurierbare Digitalanzeigen“-Unsinn des Jaguar antun. „Warum habt Ihr das gebaut?“ – „Weil wir’s können!“ – aber nicht, weil’s so besser als normal ist.

 

Meine Quintessenz ist deshalb zwiegespalten:

 

Ein netter Marketingevent, gut organisiert und mit den vielen Autos in verschiedenen Versionen großzügig ausgestattet. Paßt.

 

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Der Jaguar XE fährt sich meiner Meinung nach als „bester seiner Klasse“ was für Autotester wichtige Kriterien der Fahrdynamik, des Komforts und der Fahrsicherheit angeht. Paßt.

Sie sehen markentypisch schick aus und unterscheiden sich optisch genug vom Mainstream, um identifizierbar „Marke“ zu transportieren. Paßt.

Dem hat sich aber die Alltagsfunktionalität in teilweise sehr störendem Maße zu deutlich unterzuordnen. Wenn de facto eine viertürige Limousine einen Raum- und Nutzwert hat, der geringer als der eines VW Polo ist, dann ist was schief gelaufen. Daran krankt ja auch die Alfa Romeo Giulia – die ich derzeit als einzigen wesensgleichen Konkurrenten ausmache. Paßt nicht.

Schade drum – ein Kombi mit der schmissigen Linie des neuen XF Shooting Brake würde manches Manko kompensieren können.

 

Ist ja noch ein Pfeil ich Köcher, der alles richtig machen könnte: Style, grace and pace im neuen kommenden rein elektrischen i-Pace.