Ich wollte doch nur ins Krankenhaus aufgenommen werden …

Dies ist eine Geschichte, in der es nicht darum gehen soll, warum ich ins Krankenhaus musste. Es wird die kaum glaubliche Schilderung sein, wie schwierig es heutzutage ist, vormals einfache Dinge zu erledigen.

1. die Anamnese

 

Mein Zahnarzt hielt es für sinnvoll, dass ich ein Problem besser in Krankenhaus untersuchen lasse. Also: das empfohlene Krankenhaus im Internet ausfindig gemacht, die zuständige Abteilung gefunden und dort das Problem per Mail geschildert.

Kaum zu glauben: Antwort innerhalb eines Tages. Terminsvorschlag gleich dabei. Besser kann das ja gar nicht gehen. Kurz ebenfalls per Mail den Termin bestätigt und guter Dinge pünktlich aufgeschlagen.

Erste Untersuchung ergibt, daß ein CT weiter hilft. Ein Wunder! Sofort (!) ist eine Untersuchung möglich. Meine Wartezeit: 3 Minuten, ich hatte noch nicht den Artikel in der Zeitung beendet, als es schon losgehen sollte.

Das Bild wird als Datei gespeichert und steht sehr schnell zur Besprechung mit dem Professor zur Verfügung. Klare Erkenntnis: Hier hilft nur eine Operation. Eine andere Abteilung wäre zu beteiligen. Die Koordination geht nahtlos per Telefon. Kollege erscheint binnen Minuten und in gemeinsamer Konsultation wird das weitere Vorgehen abgestimmt.

Nach kurzer Wartezeit wird eine nähere Befundung in der anderen Abteilung kurz aber präzsie durchgeführt inklusive einer zusätzlichen Röntgenaufnahme und einer kurzen aber knappen Belehrung zum Risiko beim Zähneziehen und danach.

Das Ergebnis lautet für mich: so bald wie möglich stationär ins Krankenhaus. 

Bis hierher dauerte das mit Erstuntersuchung, CT, Besprechung mit dem leitenden Professor, Konsultation des Kollegen und weiterer Festlegung etwa zweieinhalb Stunden inklusive aller Wartezeit. Eine Luxussituation, einmalig und nicht wiederholbar – wie ich lernen werde.

2. die Terminsabstimmung

 

Es könnte so leicht sein, wenn das nicht so wäre, wie es ist.

Denn: das Krankenhaus hat für seine Verwaltung SAP eingeführt. Das bedeutet, das ab jetzt alles den schematischen Vorgaben des Verwaltungsprogramms unterworfen wird. Erste Konsequenz daraus ist, dass ich jetzt zu einem Prozessmanager muss. Alleine dieses Wort schreckt schon ab, jetzt ist Schluß mit lustig, denn ab jetzt regiert die Verwaltung! Noch mehr schreckt, daß ich dort vor der Türe etwa eine halbe Stunde warten muß; die bis dato beeindruckende Effizienz leidet erstmals.

Immerhin: Ein Termin ist bald gefunden und ich werde instruiert, um 7:20 Uhr zu erscheinen. Ich habe Glück, denn ich darf wenigstens vorher frühstücken. Ein Merkblatt informiert mich, was alles mitzubringen ist. Erst später werde ich erfahren, dass das für mich überhaupt nicht gilt und ich deshalb sinnlos u.a. mit einer kompletten Handtuch-Ausstattung anrücke.

3. am Aufnahmeschalter

 

Pünktlich um 7:20 Uhr stehe ich an der Aufnahme. Alles modern, alles schick. Offensichtlich zwei Schalter, zwei Mitarbeiter. „Sie müssen eine Nummer ziehen und werden dann aufgerufen!“ Und wo bitte soll das sein? Ein „Nummernspender“ ist nicht erkennbar. SAP achtet nicht darauf, daß seine Anforderungen im Betrieb auch sinnhaft umgesetzt werden, denn das gute Stück hängt im Wartebereich von mir aus unsichtbar „um die Ecke“.

Habe mich darüber beschwert, daß man ja nicht riechen kann, wie’s denn nun gewünscht ist und auch die unsinnige Position des Nummernspenders sicher nicht hilft. Tada!! Jetzt steht ein übermannsgroßes Hinweisschild mitten im Weg. „Problem solved …“

Ach – ich vergaß darob fast eines: Das Krankenhaus hat eine „zentrale Patientenaufnahme“, die dann doch dezentral ist. Ich muß zur Aufnahme für die Kopfklinik. Die ist aber nicht dort, sondern im neu errichteten „Herzzentrum“. An der Straße findet man Hinweise zu allem Möglichen und Unmöglichen, aber nicht darauf. „Rate mal mit Rosenthal“ ist für weniger robuste Naturen sicher ein vergnüglicher Spaß am Tag der Aufnahme, zumal im weitläufigen Gelände so schnell sinnlos eine Viertelstunde „verschlappt“ werden kann.

Nun also – frisch ans Werk. Eine Nummer bekommt man nämlich nicht so einfach. Es gilt, schon hier einen ersten Fragenkatalog abzuarbeiten. Unter anderem soll ich angeben, ob ich hierher gelaufen bin oder gebracht wurde. Leuteleute! Wäre ich nicht gelaufen, hätte ich es sowieso nie zu diesem Nummernspendedings geschafft … !

Ich bin 1080. Was ich mit dieser Information soll, erschließt sich mir nicht. Erst nachdem ich aufgebrüllt (rufen hätte ob der Entfernung nichts genützt) wurde, sehe ich des Rätsels Lösung: ein Bildschirm hätte mir verraten, daß ich dran bin. Und zu welchem Schalter ich gesollt hätte. Schade nur, daß der von meinem Warteplatz aus von einem Werbeaufsteller für das „menschliche Klinikum“ vollständig verdeckt wurde.

Komisch. Zwei Schalter, zwei Mitarbeiter, beide besetzt – wo soll ich denn nun hin?? „Kommen Sie zu mir, Schalter drei ist hier!“ Was ich für das Büro eines Aufsehers hielt, ist die Aufnahme „an Schalter 3“. Baulich völlig daneben, aber die Mitarbeiterin dort hat eine Türe zum eigentlichen Schalterbereich, durch die sie sich ihre Kundschaft herbeirufen kann. Es geht nichts über ein schlüssiges Planungskonzept.

Bei Angabe meiner Krankenversicherung „Continentale“ stockt der zertifizierte Vorgang der Patientendatenerfassung. „Die habe ich nicht im System!“ Es ist Deutschlands viertgrößte Krankenversicherung?? Mein Hinweis, daß die früher mal Mannheimer hieß, fruchtet. „Ich kopiere mir Ihre Karte mal, damit die das im System so speichern können.“ Echt jetzt? Eine PAPIERKOPIE für die Abteilung, die die elektronischen Stammdaten der Versicherer pflegt??

Zum Schluß bekomme ich ein Plastikarmbändchen mit Namen, Geburtsdatum und Barcode darauf umgelegt. Komme mir vor, wie auf Cluburlaub.

Wie auch immer: Es ist jetzt 7.45 Uhr – und warum ich um 7.20 Uhr da sein sollte, konnte mir keiner so wirklich schlüssig erklären.

4. jetzt aber „auf Station“

Nö.

Nach der dezentral-zentralen Verwaltungsaufnahme stelle ich mich beim Abteilungssekretariat vor. Dort die Nachricht, daß ich zuerst zu den Anästhesisten müsse, Belehrung entgegennehmen und ggf. Untersuchung dort. Ich will mich schon auf den Weg machen, als man mir eröffnet, daß da noch gar keiner sei, weil erst um 8.00 Dienstbeginn ist. 

Ich warf erneut die Frage auf, wieso ich denn dann um 7.20 Uhr eintreffen sollte – und man bleibt mir die schlüssige Erklärung wieder schuldig.

Um 8.00 dort eintreffend muß ich einen Fragebogen ausfüllen inklusive Anschrift, Geburtsdatum und teilweise schon unanständig intimen Details. Immerhin weiß ich vom morgendlichen Wiegen mein Gewicht und meinen Blutdruck kenne ich auch.

Die Unterhaltung mit dem Arzt dort war amüsant – ich liebe es, wenn ich bei solcher Gelegenheit als erstes die Frage nach dem Beruf mit „Rechtsanwalt“ beantworten kann. Es hagelt dann eine Belehrung, die ob ihrer Ausführlichkeit schon wieder nahe an der Zweckverfehlung ist; ich weiß am Ende selber nicht mehr, ob ich die Narkose  nun überstehen werde oder nicht.

Zurück beim Abteilungssekretariat wurde ich schon erwartet: Ich hätte die Hälfte der Unterlagen vergessen. ICH nicht, ich nahm mit, was man mir gab. Nur gab man mir nicht alles. Dorthin zurück. Kein Mensch zu sehen außer zwei wartenden Patienten. Die waren wohl schon instruiert, denn sie wiesen mich darauf hin, daß „mein Zeuch“ offen auf dem Tisch im Schwesternzimmer läge. Toller Datenschutz, was?

5. jetzt aber „auf Station“

 

Nö.

Erst will man einen Atem- und Riechtest machen. Hat nichts mit der Ermittlung des Grades meiner morgendlichen Körperhygiene zu tun, sondern bedeutet „Proberiechen an Riechproben“ und einen Test der maximalen Luftmenge. Zuerst aber dort warten und sich die Zeit mit dem Ausfüllen eines Fragebogens unter Einschluß der Adresse und des Geburtsdatums zu vertreiben. Ist ja erst das dritte Mal heute, daß ich das angeben muß.

nach geraumer Wartezeit bringe ich das Prozedere hinter mich und klemme mir die immer dicker werdende Papierakte unter den Arm. Zurück zum Abteilungssekretariat.

6. jetzt aber „auf Station“

 

Nö.

Nach einigem Warten verkürzt durch das Ausfüllen eines Fragebogens unter Einschluß meiner Adresse und meines Geburtsdatums folgt noch eine Eingangsuntersuchung in der Ambulanz meiner Fachabteilung und natürlich eine ausführliche anwaltstaugliche Belehrung. Auch hier schwant mir, daß ich mich am Ende an nichts mehr werde erinnern können, weil irgendwann sowohl Genervtheit vom umständlichen Prozedere wie Dauer und Intensität der Belehrung quasi eine intellektuelle Schlucksperre auslösen.

7. jetzt aber „auf Station“

 

Jupp.

Aber nur knapp! „Bei den Zähnen waren Sie schon zur Untersuchung und Belehrung?“ Einen belehrungsartigen Zettel hatte ich schon bei der Erstuntersuchung ausgefüllt, also werde ich dreist und behaupte: „Ja, alles schon beim ersten Mal gemacht.“ Überprüft eh keiner, in meiner Akte findet sich jedenfalls keine solche Belehrung. Hauptsache, im SAP-Eingabefeld macht einer einen Haken, dann ist das gut, weil’s eingegeben ist.

Es ist nun schon deutlich Richtung 11 Uhr, ich erreiche tatsächlich meine Station. 

Wartebereich dort gut besetzt. Zur Verkürzung der unangenehmen weiteren Wartezeit erhalte ich den vierten Fragebogen, den ich bitte ausfüllen möge. Jetzt will man nur noch Rudimente meiner Adresse wissen, nämlich Postleitzahl und Straße, Ort und Hausnummer werden offensichtlich überschätzt. Ist aber auch das älteste Formular, da hat wohl ein Update gefehlt.

Der Vorbereitung der Essensausgabe können wir Wartenden gemütlich zusehen, wir sitzen ja direkt dabei. Riecht ganz gut, sieht aber weniger gut aus (und wie sich später erweisen wird: schrammt nicht an der Ungenießbarkeit vorbei, sondern erfüllt sie – schade um die Zutaten und die Energie der Zubereitung; der Abteilungschef sollte sich mal einen Tag dort verköstigen lassen!). Es wird fast halb zwölf, bis ich mein Zimmer beziehen kann.

Ich hielt es damals noch für einen Vorteil: Man hatte schon Essen für mich gerichtet. Bis ich den Versuch unternahm, das Gebrachte zu essen. Fad, übergart, die Suppe salzlos, der Nachtisch übersüß. Das ist das Programm der Küche, so wird’s nämlich immer sein. Schon aus Protest bin ich schnellstmöglich genesen, denn dafür muß man ansonsten kerngesund sein.

Im Zimmer die Feststellung, daß die Betriebsanleitung mit dem Fernseher nichts zu tun hat – sondern einfach die rote Fernbedienung verwendet werden sollte. Außerdem erhalte ich eine komplette Wäscheausstattung einschließlich eines Bademantels und Frotteeslippern – „mitzubringen ist die übliche Wäscheausstattung möglichst mit einem Bademantel und einer Kennzeichnung, daß sie Ihnen gehört, damit beim Waschen keine Wäschestücke verloren gehen.“ Hmmmja – ein Merkblatt ist auch nicht mehr das, was es mal war!

8. Schlußpointe

Während des Essens erscheint ein Schwarm weißbekittelter Menschen. Visite! Abteilungsleiter, stellvertretender Abteilungsleiter, junge Ärztin und ein Schwadron Schwestern. Ein paar launige Bemerkungen insbesondere zu den Merkwürdigkeiten der Aufnahmeprozedur im zukünftig papierlosen Krankenhaus und den Widersprüchen in diesen Abläufen und dann der Spruch des Tages – ich nenne ihn den „gute Laune-Killer“: „Ja, dann ist ja alles erledigt für heute – Sie gehen doch sicher wieder nach Hause, oder?“ (Konsequenz: ich mußte einen neuen Behandlungsvertrag mit verkürzter Zeit „auf Station“ unterschreiben – erstmals aber keinen weiteren Fragebogen mehr ausfüllen. Da ist bestimmt was schief gelaufen!)

Also die beste Ehefrau von allen angerufen, sie möge sich ins Auto werfen und mich wenigstens für heute befreien. Abends bei höchstsommerlichen Temperaturen noch die Freiheit genossen und am Rhein einen leckeren Wurstsalat mit Pommes Frites und Weizenbier inkorporiert – gewürzt, schmackhaft, lecker.

 

 

9. ganz am Ende noch einer

 

Während der gesamten Zeit „auf Station“ war das Plastikarmbändchen lästig, weil es zu dünn ist und hochrutscht, bis es sich endgültig mit der Haut verklebt. Keiner hat einen Scanner, um den Barcode auszulesen und niemand hat sich für das Mistding interessiert.

„Warum muß ich denn alle Naselang einen Fragebogen ausfüllen und dauernd irgendwo irgendwelche Bestätigungen unterschreiben?“ – „Weil wir SAP eingeführt haben und wir vorsichtshalber alles für uns nochmal schriftlich machen.“

10. und die Moral von der Geschicht’

 

SAP ist gut und recht, wenn man es für einen massenmäßigen und standardisierten Ablauf einsetzt. Die Erfassung der Betriebsdaten, die damit verbundenen kaufmännischen Entscheidungen und die Bewertung von Produktion und Lagerhaltung sind deutlich vereinfacht und Transparenz wird ermöglicht. Bei einer zu geringen Fallzahl und zu vielen individuellen Abweichungen versagt das System aber und wird eine lästige Hybris. „Was machen Sie eigentlich mit all den Fragebögen und Unterschriften?“ – „Irgendwann wird das alles gescannt und das Papier schmeißen wir weg.“

Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich nicht so deutlich zu schreiben versucht!

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