Was ist ein Schuldnerberater?

Schuldnerberater ist kein geschützter Beruf – so kann sich also jeder nennen.

Da gibt es sehr ernsthaft arbeitende (z.B. bei Caritas oder Diakonie, manchmal auch der Gemeinde), aber auch solche, die vor allem auf Gewinn aus sind. Gerade Letztere werben gerne im Netz oder durch Anzeigen in der Zeitung; deren Dienste kosten auch richtig Geld. Manche Anwaltskollegen übernehmen auch solche Arbeiten.

Jurist muß man nicht sein, um als Schuldnerberater zu arbeiten. Es wäre zwar sehr hilfreich, aber wegen des zur Formalie degradierten Verfahrens (siehe dazu „Warum ein Schuldenbereinigungsverfahren nie klappt“) ist das nicht bedeutend.

Der für Verbraucher (Arbeitnehmer, Arbeitslose, Rentner, Kinder … alle, die nicht selbständig tätig sind) für die meisten Fälle gesetzlich vorgeschriebene Schritt eines „außergerichtlichen Schuldenbereinigungsversuchs“ wird meist von Schuldnerberatern abgewickelt. Die schreiben alle Gläubiger an, die vom Schuldner angegeben wurden und schlagen mit einem riesigen Formularsatz eine Vorgehensweise zur Schuldentilgung vor. Die weitere Korrespondenz mit den Gläubigern übernehmen sie auch. Manchmal muß der Schuldner die Gläubigeradressen angeben, manchmal ermitteln sie die selber aus den Unterlagen des Schuldners.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, daß das Einschalten eines Schuldnerberaters gesetzlich vorgeschrieben ist. Ist es nämlich nicht.

Den sogenannten „außergerichtlichen Schuldenbereinigungsversuch“ darf jeder selber unternehmen. Daß er das möglicherweise nicht kann, ist erst die Lücke für die Schuldnerberater!

Beispiel 1: Schuldner hat seine Unterlagen zusammen, schreibt die Gläubiger selber mit einem Schuldenbereinigungsplan an, verwaltet alles richtig und geht danach zu einer „geeigneten Stelle“, die nach Prüfung seiner Unterlagen die Bescheinigung über das Scheitern ausstellt.

Beispiel 2: Schuldner hat den Überblick verloren. Er sammelt die Post von Gläubigern nur noch und öffnet sie nicht einmal. Zusammen mit dem Schuldnerberater sortiert er das endlich einmal. Er befürchtet, die Anschreiben an seine Gläubiger und erst recht der Schuldenbereinigungsplan „kriegt er nicht hin“. Also übernimmt das der Schuldnerberater. Die Bescheinigung über die Sinnlosigkeit der Arbeit („Scheitern des Schuldenbereinigungsverfahrens“) kann er dann gleich erledigen.

Beispiel 3: Schuldner hat viele Gläubiger. Das Anschreiben mit dem „Vorschlag einer Schuldenbereinigung“ ist versandt. Einer der Gläubiger vollstreckt trotzdem weiter (Kontopfändung, Gerichtsvollziehr erscheint). Die Bescheinigung über das Scheitern kann gleich ausgestellt werden, weitere Arbeit des Schuldnerberaters ist überflüssig. ABER: Dem Schuldnerberater muß man das auch mitteilen, riechen kann er das nicht! Sonst arbeitet er sinnlos weiter – das hilft weder dem eigenen Verfahren noch denjenigen, die warten müssen!

Scheitert dieser Versuch, ist von einer „geeigneten Stelle“ eine entsprechende Bescheinigung auszustellen. Das sind immer die Schuldnerberater von Caritas, Diakonie und Gemeinde. Ebenso Anwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Notare. Die „freien Schuldnerberater“ sind das meistens nicht. Die arbeiten meist mit einem Anwalt zusammen, den der Schuldner nie zu sehen bekommt. Der stellt „nach Aktenlage“ die Bescheinigung aus und kassiert dafür sein Honorar.

Auch diese Bescheinigung ist eine im Gesetz angeordnete Formalie; es ist zum Haareraufen, mit welchen Anforderungen ein „Verbraucher“ überfordert wird, während für ein Unternehmen mit hunderten Beschäftigten im Zweifel ein Blatt ans Gericht reicht. Die Sinnhaftigkeit dieses Formalwusts hat sich mir noch nicht erschlossen.

Auch das Ausfüllen des Insolvenzantrages (ein Monster von Formularsammlung, mehr als vierzig Seiten zumeist völlig sinnloser Angaben – siehe dazu „der abschreckende Antrag“) ist Sache des Schuldners. Caritas, Diakonie und Gemeinde helfen dabei oder machen es gleich anstelle des Schuldners. Die gewinnorientierten Schuldnerberater lassen sich auch das bezahlen.

Herunterladen läßt sich der Formularsatz z.B. auf http://www.bdhw-law.eu/upload/merkblaetter/AntragVerbraucherinsolvenzJuli.pdf .

Bei Caritas, Diakonie und Gemeinde sind diese Dienste kostenlos, diese Institutionen sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Bei den anderen kostet das – und zwar teilweise richtig viel. Mehrere tausend € werden da teilweise verlangt und (ratenweise) von Schuldnern bezahlt. Mir persönlich platzt die Hutschnur, wenn ich in Besprechungen erfahre, daß z.B. ein in Ludwigshafen am Rhein wohnender Schuldner z.B. an eine in Hamburg ansässige „Schuldenbereinigungsfirma“, die er nie von innen sah und mit der kein Wort gewechselt wurde (!!) Honorare von 2.500 € bezahlt aufgrund mehr als windiger und knebelnder Vertragsvereinbarungen. Auch das Beauftragen eines Anwalts kann richtig ins Geld gehen, da sind schnell für 100.000 € Schulden Kosten von mehr als 1.000 € zusammen.

Ich glaube, es wird deutlich, was ich davon halte: Eine in 99 % der Fälle rein formale Abwicklung wird bei unsicheren und unerfahrenen Menschen von nicht gemeinnützigen Profis zum leichten Verdienst verwendet. Da gehört nach meiner Meinung ein Riegel vorgeschoben. Diese Seite ist ein Versuch, das zu leisten.

Davon unabhängig: Eine echte „Schuldnerberatung“ im Sine dessen, was hier auf dieser Page teilweise steht und noch stehen wird, leistet keiner der Schuldnerberater. Der Blick ist auf das Vorbereiten des gerichtlichen Verfahrens gerichtet. Zeit für intensive Beratung ist nicht. Erst recht nicht für solche Gedanken, die auch die persönlichen und sozialen Probleme in einer Schuldenfalle erfassen. Bei Caritas und Diakonie sind die Bearbeiter oft Sozialarbeiter. Denen ist das eigentlich das Anliegen, aber die Verstrickung in Formalien steht dem oft entgegen.

Also ist die Bezeichnung „Schuldnerberater“ irreführend. Sie weckt Erwartungen, die in der Praxis nicht erfüllt werden und auch meist nicht erfüllt werden können. Das führt zu Enttäuschung und Frust. Für eine Erleichterung der gesetzlichen Anforderungen ist es nun so weit; leider passiert aber nichts.

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