Private Krankenversicherung – Fluch oder Segen?

Die derzeit laufenden Koalitionsverhandlungen bringen mit der Überschrift „Bürgerversicherung“ genau diese Frage wieder aufs Tapet.

 

Abseits aller Politik: Hat die private Krankenversicherung wirklich nur Vorteile oder sind da auch Pferdefüße?

 

Die Stammtischweisheit besagt im Positiven:

  • Der Versicherungsschutz ist viel weitgehender als bei der gesetzlichen Versicherung.
  • Die Ärzte sind viel lieber bereit, Privatpatienten zu behandeln, so daß man schneller an Termine kommt.
  • Außerdem spart das eine Menge Geld im Vergleich zum Beitrag der GKV („Gesetzlichen Krankenversicherung“).
  • Erst durch die teuer abzurechnenden privatärztlichen Leistungen ist eine Arztpraxis wirklich rentabel zu betreiben.

Die Stammtischweisheit besagt im Negativen:

  • Im Alter explodieren die Beiträge.
  • Man kommt irgendwann auch mit Tricksereien nicht mehr zurück in die GKV.

Und jetzt mal „aus der Praxis für die Praxis“ – und mit einem etwas anderen Blickwinkel:

 

Vordergründig stimmt das mit der „besseren Leistung“ im Vergleich zur GKV in den meisten Fällen tatsächlich. Pauschal stimmt’s nie, denn anders als bei der GKV sind die konkret versicherten Leistungen von Vertrag zu Vertrag verschieden. Wer z.B. im Alter aus Kostengründen in die sogenannte „Mindestversicherung“ umsteigt, wird genau dieselben Leistungen wie ein GKV-Patient ersetzt erhalten. Manche Anbieter machen diese „Minimalpakete“ auch so schon allen zugänglich. Damit ist man in jeder Hinsicht einem GKV-Patienten gleichgestellt einschließlich „Selbstbeteiligung pro Quartal“ und Abrechnungsmöglichkeit des Arztes.

In aller Regel aber sind die Leistungen besser bei Privatversicherten. Bessere Krankenhausunterbringung, „Chefarzt“-Behandlung, Ersatz auch von Heil- und Chiropraktikerleistungen, Zahnersatz, Seh- und Hörhilfen.

Aber: Nichts ist umsonst.

 

Mehrleistung erfordert auch Mehrprämie. Satt. Über Selbstbeteiligung oder „Beitragsrückerstattung“ wird es für den Versicherten verpflichtend oder attraktiv, kleinere Beträge selber zu bezahlen und nicht seiner Versicherung einzureichen. De facto also eine versteckte „Beitragserhöhung im Schadensfall“ – damit das Kind mal einen zutreffenden Namen hat. Das kann deftig werden! Bei mir z.B. 3.100 € Selbstbehalt pro Jahr zusätzlich zur Monatsprämie.



Beispiel: Meine Krankenversicherung kostet 340 € pro Monat zuzüglich einem Selbstbehalt von 3.100 €, also bis zu 7.180 € pro Jahr. Die GKV wäre nicht viel billiger!

Will man weitere Absicherungen wie z.B. Krankengeld, muß das gesondert versichert (und bezahlt) werden. Bei der GKV ist das „im Preis“. Also: „Lohnfortzahlung“ ab dem 42. Tag (der Vergleichbarkeit wegen) mit einem dem Nettoentgelt eines Tages entsprechender Summe kostet monatlich als Daumenregel ungefähr so viel wie eine Tagesleistung.

Beispiel: 120 € pro Tag Krankengeld ab dem 42. Tag kosten monatlich etwa 120 € Prämie.

Möchte das Milchmädchen nochmal rechnen? Schon ist die PKV mit „Luxusleistungsumfang“ TEURER als die gesetzliche Versicherung.

Dazu kommt: Als Privatpatient bekomme ich für jede Leistung eine Rechnung, die ich bezahlen muß. Meine Versicherung erstattet mir diese Beträge nur. Ich trete also immer in Vorleistung und muß hoffen, schnell und vollständig mein Geld von dem Versicherer zu erhalten. Da gibt es schnelle Regulierer und Schnecken … und schon sitze ich im Risiko! Ich bin nämlich der Vertragspartner des Arztes, nicht die Versicherung; anders ist das bei der GKV! Da ist der Versicherer aufgrund der „Zulassung als Kassenarzt“ der Vertragspartner des Arztes und bezahlt ihn auch direkt. Der Patient ist Begünstigter dieses Vertrages, weshalb die Patienten auch bei der Verhandlung der Honorare nicht entscheidend beteiligt werden.

Lehrsatz: Die Leistungen für Privatpatienten sind immer um ein vielfaches teurer als für GKV-Versicherte, nur wenige versicherten Zusatzleistungen gleichen das nicht aus.



Die Privatpatienten werden leider auch nicht beteiligt: Die Arzthonorare entsprechen denen der GKV, mit einem kleinen Haken: Sie werden mit einem Faktor X multipliziert. Der kann bis zu vierfach sein, in der Regel ist er 2,3.

Beispiel: Ein GKV-Patient im MRT kostet ca. 350 €. Ein Privatpatient bekommt eine Rechnung über runde 800 € (!!). Wen wundert’s, daß bei der Mörderkohle Termine für Private „vorrangig“ vergeben werden? Eine „Mehrleistung“ ist damit übrigens nicht verbunden – das MRT ist dasselbe, die Bilder sind die dieselben …

Hinzukommt: wer garantiert mir, daß mein Versicherer nicht Pleite geht? Niemand. Alle lehnen sich zurück und verweisen auf die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen und das schon seit 1902 geltende Versicherungsaufsichtsgesetz. Was haben wir 2008 gelernt? Es nützt die schönste Regelung zur Aufsicht nichts, wenn sie nicht funktioniert.

Ach ja: Die „Familienversicherung“ gibt es bei Privaten natürlich nicht. Jeder Mensch ist ein Kunde, jeder Mensch hat seinen Vertrag und muß Prämien zahlen. Kinder, Greise, Arbeitslose, Elternteile daheim ohne Einkommen – völlig egal.

Beispiel: Familie mit zwei Kindern, Mutter verdient auf 450 €-Basis dazu, Vater Alleinverdiener, Kinder sind Schüler. Beitrag zur GKV: ca. 15 % vom Brutto bis zur Bemessungsgrenze maximal. Also derzeit ca. 650 € maximal. In der PKV: VIER Verträge, viermal Prämie. Vater mit Entgeltfortzahlung ab dem 42. Tag, Mutter ohne, Kinder mit eingeschränkterer Leistung im Krankenhaus und bei Zahnersatz. Vaters Prämie um die 400 € pro Monat, Muttern kostet etwa 280 € und jeder Sprößling weitere 80 €, zusammen schlappe 740 € zuzüglich Selbstbeteiligung im Schadensfall.



Lehrsatz: Privat lohnt sich am ehesten für Singles und „DINKS“ (Double income, no kids – beide Partner der kinderlosen Partnerschaft verdienen).

Daraus macht man dann: „Privatversicherung privilegiert die Reichen“ – und führt mit der Neiddebatte eine unsachliche Komponente in die Diskussion ein. Der Satz: „GKV privilegiert Familien zu Lasten der Versichertengemeinschaft.“ müßte noch geschrieben werden.

Das Unverständnis der systematischen Unterschiede beider Versicherungen ist eh unausrottbar. Die GKV ist eine Umlage der erwarteten Kosten auf die erwarteten Einkommen aller Versicherten (und spart nur ganz gering Kapital zur Deckung zukünftiger Risiken an). Die Privatversicherung ist genau das nicht. Sie ist die mathematische Umrechnung eines Kostenrisikos der Gegenwart und erwarteten Zukunft verteilt einkommensunabhängig auf die Summe der Versicherten (und spart Kapital zur Deckung zukünftiger Risiken an).

Der Pferdefuß der Privatversicherung

 

ist damit angesprochen, der sich gewaltig auswirkt.

Die „Kapitaldeckung“ der Privaten ist ein enormes Risiko, das der GKV völlig fremd ist!

Die Privaten rechnen (wie alle Kapitalanleger) mit einer gewissen Rendite aus ihren Ansparrücklagen. Bleiben die Zinsen aus, geht die Rechnung nicht auf. In „höheres Risiko“ dürfen sie nicht (mehr), also muß aus den Beiträgen mehr zurückgelegt werden, weil die Anlagen nichts abwerfen. Folge: Beitragserhöhungen.

Die Privaten bilden für die Prämienberechnung „Tarifgruppen“.

 

Die GKV tut das nicht, bei der sind alle Versicherten gleich und profitieren auch gleich.

Diese „Tarifgruppen“ wirken doch eigentlich gerecht, oder nicht?

 So kann man sich täuschen!

Das sagt einem keiner bei Vertragsabschluß, aber die Wirklichkeit ist (oft und immer öfter) gnadenlos: Jeder Tarif eines Anbieters ist eine eigene Gruppe. Der Tarif wird also berechnet aus dem voraussichtlichen Bedarf der darin Versicherten. Funktioniert gut, wenn die Versicherten eine relativ homogene und gleich bleibende Gruppe von Risiken sind. Also: Etwa gleich viele Gesunde wir Kranke, etwa gleich viele Junge und Alte. Gleich viele schlechte Prämienzahler und gute.

Aber: Die Versicherer wollen ihren Marktanteil ausweiten. Also werden immer neue „Produkte“ erfunden und vertrieben. Jedes neue „Produkt“ ist eine neue Tarifgruppe! Wer nur das Neue verkaufen will, kümmert sich um die Bestandsangebote nicht mehr. Manchmal wird dann auch der „Vertrieb dieser Tarifgruppe eingestellt“.

Das Todesurteil für die Versicherten!

Denn: ab dann ist die Gemeinschaft der Tarifgruppe nicht mehr homogen, sondern altert gemeinsam und wird gemeinsam teurer und teurer. Eine „Solidargemeinschaft aller Versicherten“ (wie in der GKV) gibt es nicht, nur die „Zwangsgemeinschaft der einzelnen Tarifgruppe“.



Was wäre die Abhilfe? Klar: Wechseln in eine andere Tarifgruppe bei demselben oder gar einem anderen Versicherer. Für junge Verträge ab 2005 geht das eigentlich relativ einfach, für ältere Verträge nicht ohne weiteres. Beim Wechsel des Versicherers kommt es oft zu Problemen, wenn Vorerkrankungen vorliegen. Kein Unternehmen ist gezwungen, einen Vertrag abzuschließen (außer für die Mindestversicherung im Leistungsniveau der GKV). Und schon hat sich das was mit Anbieterwechsel!

Lehrsatz: Privat ist nur für Gesunde, Kranken schadet sie oft mehr als sie nützt!



Damit aber noch nicht genug: Manche Versicherer sind irgendwann an der Fortsetzung ihres Geschäftes nicht mehr interessiert. Sie wollen die Krankenversicherung einstellen, jedenfalls so nicht weiter führen. Was passiert? Sie werden „übernommen“ als ganzes oder die einzelnen Verträge auf einen neuen Versicherer übertragen.



Eine Unverschämtheit für die Versicherten – die das schon oft klaglos hinnahmen!

Damit sind erhebliche Nachteile für den Versicherten verbunden:

Seine Tarifgruppe wird höchstwahrscheinlich vom neuen Übernehmer nicht mehr beworben – mit dem oben geschilderten Effekt. Einen Wechsel in die eigenen vorher geführten Tarifgruppen mag man auch nicht haben und läßt das schlicht nicht zu. Warum? Logisch, oder? Alle wollen dann in die „attraktiveren“ Tarifgruppen des Übernehmers fliehen und das verändert dort das Risiko, das bis dato Grundlage der Prämienberechnung war. Das würde die Bestandskunden des Übernehmers verärgern. Also: einen solchen Wechsel läßt man nicht zu.

Beispiel: Aus eigener Erfahrung zu berichten: Mannheimer Krankenversicherung ist der ursprüngliche Versicherer. Stiftung Finanztest bewertet ihn „in der Spitzenklasse“, die Tarife sind moderat und daher Versicherer der Wahl. Leider ist die ganze Mannheimer Gruppe (erst recht die damaligen Lebensversicherer) eine Zockerbude und bringt das Geld schneller durch als es verdient ist. Die Lebensversicherung ist pleite, die Krankenversicherung wird fusioniert. Die Continentale übernimmt den Versicherungsbestand. Tarifwechsel in die Continentale-Angebote wird nicht ermöglicht. Die früheren „Mannheimer Tarife“ werden nicht mehr beworben.

Es wird nur eine Frage weniger Jahre sein, bis einem die Prämien explodieren.

Lehrsatz: Privatversicherer sind keine Wohltäter, sie haben ihre Kapital- und Gewinninteressen im Auge und nicht die bestmögliche Verwaltung des Bestandes der Versicherten.

Auch die

Abwicklung im Schadensfall

beleuchte ich hier noch, um die Unterschiede herauszuarbeiten. 

Bei Kleinrechnungen und ambulanten Behandlungen legt der Versicherte der Privaten alle Rechnungen aus und erhofft Erstattung durch den Versicherer. Oder er trägt sie, weil sonst seine Beitragsrückerstattung ausfällt oder der Selbstbehalt noch nicht erreicht ist.

Bei großen Rechnungen geht der Versicherer in die erste Reihe und erlaubt dem Arzt/Krankenhaus, direkt abzurechnen. Dazu werden die Ansprüche aus dem Versicherungsvertrag insoweit an den Behandler abgetreten. Der rechnet direkt mit dem Versicherer ab und erhält von dort sein Geld. Ggf. verlangt der Versicherer dann die Selbstbeteiligung bei dem Versicherten.

Wenn’s nur so einfach wäre!

Die Wahrheit ist unangenehmer und enttäuscht. Der Behandler rechnet nur die Summe mit dem Versicherer ab, die er von einem GKV-Versicherer bekäme (also in der Regel den einfachen Satz oder z.B. im Krankenhaus die „Fallpauschale“). Alles weitere rechnet er wie üblich mit dem Versicherten ab – der spart also exakt gar keine Arbeit und hat auch keine Ruhe bei teuren Behandlungen, sondern muß wieder in Vorkasse treten und auf Erstattung hoffen.

Beispiel: Krankenhausaufnahme stationär mit Operation für drei Tage im Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung. Voruntersuchungen, Nachuntersuchungen.

Krankenhaus rechnet mit Versicherung Fallpauschale ab. JEDE einzelne Leistung wird außerdem zusätzlich privat abgerechnet. JEDE. Visite? Kostet extra. Narkose? Kostet extra. Verbandsmaterial der Nachsorge? Kostet extra. In diesem Fall kommen im Laufe von zwei Monaten nach Entlassung sage und schreibe elf (!!!) getrennte „Privatabrechnungen“, die in der Summe höher sind als die Fallpauschale.

Der GKV-Patient im Zweibettzimmer hat pro Tag seine Selbstbeteiligung zu bezahlen und das war’s. Einfach, problemlos – und für das Krankenhaus wirtschaftlich ein knappes Geschäft. Die paar Mehrleistungen blasen den Erlös pro Patient auf mehr als das Doppelte auf. So viel (schlechten) Schokopudding kann ich als Privatpatient gar nicht extra essen, daß sich das rechnet!



Lehrsatz: Private Versicherungen sind nur solange gut wie man sie nicht braucht!

Und jetzt nochmal:



Ist die GKV wirklich so schlecht und die private Krankenversicherung der Himmel auf Erden? Objektiv muß man beides mit „NEIN“ beantworten.

Ich komme auf eine

Grundüberzeugung

zurück: Daseinsvorsorge verträgt generell keine Privatisierung. Weder Polizei noch Militär, Gesundheit und auch Energieversorgung und öffentlicher Verkehr dürfen zum Schutz der Betroffenen nicht mit wesensfremden Interessen an Gewinnmaximierung zusammengebracht werden.

Wasser verträgt sich auch nicht mit einer heißen Herdplatte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s