Vom Kredit

Darum müßte es hier doch laufend und ausschließlich gehen, oder? Kredit = Schulden = Schuldenfalle.

Stimmt schon, wenn auch nicht immer. Und ist auch zu kurz gegriffen, denn viele Verpflichtungen kommen unter anderem Namen daher, sind aber letzten Endes alles Kredite. Also wenden wir uns erst einmal dem Wichtigen zu:

Was ist denn überhaupt ein Kredit?

Jetzt wird’s schon heikel. In fast allen Gesetzen steht gar nichts von „Kredit“. Es gibt zwar ein „Kreditwesengesetz“, aber das beschäftigt sich gar nicht mit dem Kredit selber, sondern mit Kreditinstituten und deren Überwachung.

„Kredit“ ist ein Oberbegriff aus der Alltagssprache. Auftreten kann er in verschiedener Form. Offen als „Kredit“ bezeichnet oder versteckt z.B. als „Ratenkauf“, „Leasing“ oder „Mietkauf“.

Allen gemeinsam ist aber eines: Die Vereinbarung wird zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber geschlossen. Der Kreditgeber hat etwas, das der Kreditnehmer gerne hätte, aber sich nicht „auf einmal“ leisten kann. Das ist sehr einfach bei Geld. Da heißt das dann juristisch korrekt „Darlehen“.

Beispiel: Darlehen über 10.000 € von einer Bank, zurückzuzahlen in 60 Monatsraten mit einem Zinssatz von 8,5 %. Keine vorzeitige Ablösung, keine Zinssatzänderung, feste Raten und gut ist das. Einfache Sache, versteht jeder.

Darlehen gibt es wieder in verschiedenen Formen. Da gibt es das Festdarlehen wie oben im Beispiel – mit der 60. Rate und allen Zinsen ist alles erledigt. Eine Verlängerung gibt es nicht. Es gibt aber auch flexible Darlehen, die heißen „Überziehungskredit“ oder kaufmännisch „Kontokorrent“. Dabei gewährt der Darlehensgeber (= meistens eine Bank) einen Rahmen von bis zu Xtausend €, über die der Darlehensnehmer frei verfügen darf, ohne jedesmal bei einer Erhöhung die Bank zu fragen. Praktisch in der Handhabung, leicht zu verstehen.

Entgegenkommen durch kurzfristige Gestattung noch weiterer „Überziehung“ ist auch möglich. Wieder keine eigene neue Vereinbarung, keine peinlichen Gespräche bei der Bank („Wofür brauchen Sie das Geld? Bis wann können Sie es zurückzahlen?“) – einfach und geräuschlos, solange die Bank mitspielt. Pferdefuß: die Bank kann von heute auf morgen und ohne Ankündigung nicht mehr mitspielen. Das kann üble Folgen haben.

Beispiel 1: Familiengirokonto wird mit einem „Kontokorrentkredit“ von 5.000 € ausgestattet. Die Familie darf bis zu diesem Betrag mehr vom Konto abheben/davon überweisen, als Guthaben darauf vorhanden ist, also ins Minus gehen. Nicht jedesmal ein Antrag, keine Nachfragen, keine Aufregung. Beruhigendes Polster für eventuelle Mißlichkeiten. Rückzahlung ist jederzeit möglich. Zinssatz ist anfangs 10 %, aber „fest“ ist der nicht. Er schwankt ständig und kann auch deutlich höher liegen. Die Zinsen werden monatlich berechnet und dem Konto belastet. Zinsen muß man also vom Kreditrahmen abziehen. Jeder Geldeingang führt den Kontokorrent automatisch in dieser Höhe zurück. Bei einem Stand von -4.000 € eingehendes Gehalt von 2.000 € sorgt also für kurzzeitigen Kontostand von -2.000 €. Bis jetzt ist alles im Lot.

Beispiel 2: Das Konto oben ist bis zur Grenze von -5.000 € belastet. Die Familie braucht aber weiteres Geld, weitere 1.000 €. Sie „überzieht“ jetzt ihr Konto und steht damit mit 6.000 € in der Kreide. Die Bank rührt sich nicht. Sie berechnet aber für die Überziehung immens teure Zinsen. 15 % und mehr sind da problemlos möglich. Diese Zinsen werden dem Konto monatlich belastet, die Überziehung wird also noch höher. Geht wie in Beispiel 1 wieder das Gehalt von 2.000 € ein, ist alles wieder halbwegs im Lot, der Kontostand liegt wieder im genehmigten Kontokorrentrahmen. Das nützt aber nichts, denn die laufenden Ausgaben müssen ja bestritten werden. Deshalb rutscht die Familie wieder aus dem Kontokorrentrahmen heraus und muß am Monatsende erneut „überziehen“. Weitere Zinsen werden zusätzlich belastet und schon wird der Spielraum sehr eng.

Beispiel 3: Die Familie ist eigentlich ganz geordnet unterwegs, ihre Gelddinge sind geregelt. Darlehen gibt es keine. Da verendet das Familienauto. Ein neues muß her. Kostet gebraucht 10.000 €. Die Hausbank leiht der Familie das Geld als Festkredit (siehe erstes Beispiel). Die Monatsraten von beispielsweise 250 € werden dem laufenden (Guthaben-)Konto belastet. Hat die Familie bisher das ganze Gehalt von 2.000 € monatlich bis zum Monatsende komplett verbraucht, dann wird die Sache jetzt ernst. Mit dem Kredit ist der monatliche Bedarf auf 2.250 € gestiegen und die hat sie nicht. Vernünftiger Ausweg: Sie muß ihre Ausgaben um 250 € im Monat reduzieren. Schon stimmt alles wieder. Tut sie das nicht, wird’s heikel. Sie überzieht nämlich ab sofort zum Monatsende ihr Konto um 250 €. Dafür berechnet die Bank Überziehungszinsen. Die werden dem Konto belastet … und ein Teufelskreis ist in Gang gekommen, aus dem ohne geändertes Ausgabenverhalten kein Ausweg mehr möglich ist.

Beispiel 4: Und jetzt die fatale Auswirkung von Überziehung im Beispiel. Die Familie treibt dieses Spiel eine geraume Zeit, sie sinkt (logischerweise) immer mehr in den Schuldensumpf. Die Bank erkennt das und rettet, was zu retten ist. Bei einem Stand von -6.900 € geht das Gehalt von 2.000 € ein. Die Bank verrechnet den Eingang mit dem Saldo, so daß noch -4.900 € auf dem Konto stehen. Sofort danach kündigt sie die Überziehung. Die Familie hat noch 100 € „Kontokorrentkreditrahmen“, um davon einen Monat zu leben. Sie ist schlagartig zahlungsunfähig.

Machen wir uns nichts vor: Schon mit der ersten Umdrehung der Kreditspirale war sie in großer Not; sie wußte es nur noch nicht. In allen Beispielen ist der Kredit Gift für die Familie. Das Darlehen ist an und für sich nett, denn man kann sich Dinge kaufen, für die eigentlich das Geld nicht reicht. Was gerne übersehen wird: Ein Darlehen/Festkredit/Überziehungskredit ist kein geschenktes Geld, sondern die Raten (Zins und Tilgung) müssen entweder in der Zukunft zusätzlich verdient werden (Mehreinkommen erforderlich) oder bis zum völligen Abbezahlen an den Ausgaben gespart werden.

Damit ist Kredit nichts anderes als „umgekehrtes Sparen“. Es hat nur den Nachteil, daß dafür Zinsen als weiter Kosten anfallen; es ist also längst nicht so effektiv wie echtes Sparen.

DAS ist die Schuldenfalle, die für etwa 1/3 (!!) der Haushalte in Deutschland zur Insolvenzreife führt.

„Kredit“ wirkt so sanft und ist so leicht, daß darüber dann ganz vergessen wird, daß zum Abbezahlen entweder entsprechend gespart oder mehr Geld verdient werden muß.

In den Beispielen oben ist das (wie früher, als man noch eine „Hausbank“ hatte, dort persönlich betreut wurde und der Bank“beamte“ einen noch kannte) noch halbwegs steuerbar. Die Bank war teilweise ja sogar mit einem „Nein“ zur Kreditanfrage für den Kunden schützend tätig – wenn auch ein „Nein“ an sich schmerzt. Die komplett informierte Bank hatte nämlich Angst, daß sie ihr Geld nicht wiedersieht und ersparte so dem Kunden die Angst, daß er nicht mehr bezahlen kann.

Dann kamen aber immer mehr und immer besser versteckte Formen des Kredits auf.

Urlaubsreise? Geht auch ohne Kredit: „Zahlen Sie in sechs bequemen Raten, wenn Sie aus dem Urlaub wieder da sind!“ Tödlich! „Beim Kauf eines Haushaltsgeräts von mehr als 500 € können Sie zu 0 % in bequemen Monatsraten bezahlen!“ Wer das macht, ist blöd! „Übernehmen Sie einen sofort verfügbaren Neuwagen (lies: Lagerfahrzeug), können Sie ohne Anzahlung bei einer Monatsrate von 300 € sofort in Ihrem Traumwagen starten!“. Weitere Beispiele quellen einem täglich aus dem Briefkasten und leider auch dem Fernseher entgegen.

Und da liegt der Hund begraben: an das „Haben“ des Autos/des Riesenfernsehers/der neuen Möbel gewöhnt man sich schnell, der Urlaub ist irgendwann vorbei. Das Sparenmüssen zum Finanzieren der Raten ist aber geblieben. Also wird man nachlässig und die Spirale aus Beispiel 3 oben ist in Gang gesetzt. Nur paßt kein Bank“beamter“ mehr auf und warnt, sondern das Drama geht ungebremst weiter. Da viele die versteckten Kredite anbieten und die einzelne „Portion“ nicht so groß ist, wird damit dem Unvorsichtig sein Vorschub geleistet.

Ähnlich wie Zucker im Industrieessen über das viele ungesunde Fett hinwegtäuschen soll, wird mit vielen kleinen Krediten und Kreditchen über die nicht mehr anzuhaltende Spirale des Überziehungskredits hinweggetäuscht.

Es gibt nichts Schlimmeres, als Raten für andere Kredite durch Überziehung des Kontos zu bezahlen, denn dann kaufe ich sauteures Geld, um anderes teures Geld bezahlen zu können. Das nennt sich auch Zinseszinseffekt – und was den Sparer freut, ruiniert den Kreditnehmer.

Eiserne Regel: Durch Kredit kann man sich nicht mehr leisten, sondern nur früher!

Beispiel: Anstatt fünf Jahre auf ein Auto zu sparen und es dann zu kaufen, kauft man’s gleich. Für den Kredit hat man noch gar nicht gearbeitet/gespart, der gibt sich also viel leichter aus. Und weil’s o leicht ist, kauft man statt eines vernünftigen Autos ein zu großes oder zu starkes.

Es wäre ketzerisch, zu behaupten, daß genau dieses häßliche Spiel das Wesen der Konsumgesellschaft ausmacht … die dann den Zahlungsausfall bei Insolvenz faktisch zu tragen hat. Eine irre Perversion!

Ein Gedanke zu “Vom Kredit

  1. Katja 03/03/2016 / 15:57

    Ein sehr informativer Artikel zum Thema Kredit. Das wird einigen sicherlich eine sehr große Hilfe sein.

    Gefällt mir

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